Eine gewisse Müdigkeit macht sich beim Autorengespann breit ...
Wie nicht anders zu erwarten und so unglaublich es klingen mag, geht es auch in diesem Fall des sizilianischen Commissarios Morello um einen non-fiktiven Hintergrund: Venedig soll nachhaltig umgebaut werden. Weg mit des Tagestouristen, die nur die Gassen und Kanäle verstopfen, hin zu einem Luxusressort ("Disneyland") für diejenigen, die das "richtige Geld" in die Lagunenstadt spülen sollen - gut erreichbar durch einen zu erweiternden Flughafen (Marco Polo) und eine U-Bahn, die als "Sublagunare" alle wichtigen Destinationen erreichen soll.Wenn das kein Grund ist, sich schreibend gegen diesen Wahnsinn zu stemmen, was dann? Und so heißt es auf dem rückwärtigen Klappentext vielversprechend: "'Die Pläne zur Umgestaltung Venedigs muten nur auf den ersten Blick absurd an. Nach unseren Recherchen existieren sie wirklich. Wenn unser Buch hilft, diese Pläne zu durchkreuzen, haben wir den richtigen Job gemacht."Konnten die beiden Autoren diesem Anspruch gerecht werden? Vielleicht. Was allerdings die Umsetzung in eine fiktionale Geschichte betrifft, so muss man leider anmerken, dass diese weniger gut gelungen ist. Phasenweise scheint es so, als seien die beiden Autoren etwas müde geworden, auch wenn sie sich zahlreicher Zuarbeiter bedient haben. Auch dieser Fall lebt von dem Kontrast eines eigenwilligen Sizilianers (den "freien Hund") und seiner venezianischen Truppe mit dem hierarchischen Überbau, in dem Politik und Dienstverständnis miteinander in Konkurrenz stehen, um es einmal höflich zu umschreiben ...Gerade wenn man die bisherigen Romane von W. Schorlau (z.B. der Dengler-Reihe) und auch die des hier agierenden Autoren-Duos liebgewonnen hat, ist man von dem teils langatmigen Herumgeschwurbel über Tatmotiv, Tathergang und dem "vorsichtigen" Herantasten an eine Lösung des Falls etwas enttäuscht, zumal die Ingredienzien eine etwas forschere und damit auch spannendere Entwicklung möglich gemacht hätten. Was wäre Venedigs Geschichte ohne die Geschichte ihrer Herrscher, den Dogen (deren Nachkomme hier entscheidende Fäden zu ziehen versucht), sowie den politischen Intrigen und den offenen oder verdeckten Korruptionen, was ohne seine einzigartige Lage, Architektur, was ohne die drohenden Umweltgefahren oder der Einfluss der Touristenmassen? Und als "Pünktchen auf dem i" noch die persönliche Geschichte des Commissarios, der sich immer noch nach der Rückkehr nach Sizilien sehen, um dem dortigen Obermafioso, der auch für sein persönliches Leid verantwortlich ist, den Garaus zu machen. Und so durchzieht den diese "persönliche Geschichte" den gesamten Fall, da ihm versprochen wurde, wenn erst einmal der aktuelle Fall geklärt sein würde, er wieder in seine vertraute Umgebung zurückkehren könne.Etwas Zukunftsmusik wird allerdings in Form einer KI zur datenbasierten Voraussage von Verbrechen (und deren gezielter Torpedierung) gespielt, u.a. um Taschendieben das Handwerk zu legen. Eingestreute sind einige wissenswerte Details zu Venedig und auch einige aktuelle Ereignisse/Zustände im Weltgeschehen (Ukraine-Krieg, politische Lage in Italien etc.). Diese Einsprengsel sowie ein durchaus gelungener Schluss versöhnen schließlich etwas mit der zuvor angesprochenen Müdigkeit, die sich gelegentlich auf die durchaus geneigten Leser*innen überträgt.(29.4.2023)