Ursula K. Le Guin wollte ich schon längst einmal lesen. Nun habe ich das endlich mal geschafft. Und ich fand diesen Klassiker sehr faszinierend. Besonders gefällt mir diese unglaublich faszinierende Welt, die Le Guin erschafft.Wir entdecken diese Welt mit Genly Ai, der als terranischer Abgesandter die Regierungen des Winterplanets Gethen davon überzeugen möchte, dem Weltenverbund des Ekumen beizutreten. Das hervortretende Merkmal der Menschen auf Gethen ist, dass sie die meiste Zeit des Monats nonbinär verbringen und dann zufällig kurze Zeit entweder männlich oder weiblich werden. Dazu gibt es einen sehr starken Ehrbegriff, der für Ai schwer zu durchdringen ist, so dass sich die Kommunikation nicht immer einfach gestaltet. Diese Kommunikationsprobleme beeinflussen auch die eigentlich intensivste Beziehung von Ai auf Gethen mit Estraven, dem Premierminister des Königs von Karhide.Der Roman ist vergleichsweise handlungsarm, viel Worldbuilding erfahren wir in einer Art Berichtsform von Ai oder aus Tagebucheinträgen von Estraden. Das macht die Lektüre manchmal etwas sperrig. Zu diesem Eindruck tragen noch zwei weitere Aspekte bei: Viel dreht sich um die politischen Ränke in den beiden Ländern Gethens. Auch Ais Kommentare verstärken das, die manchmal zu sehr in dem binären Denken verhaftet sich, dass er nicht umhin kann, sexistische Vorstellungen zu reproduzieren. Le Guin bricht zwar Ais Vorstellungen durchaus, aber ich fand es nicht so angenehm, immer wieder diese sexistischen Klischees zu lesen. Die Abschnitte Estravens fand ich durchgängig angenehmer. Wir wissen als Lesende dadurch mehr und spüren immer wieder die Diskrepanz zwischen Estravens aufrichtigem Wunsch Ai zu helfen und dessen Misstrauen.Am meisten berührt haben mich die Stellen, die die Freundschaft der beiden zeigen. Wandel kommt nur durch das Engagement von Einzelnen zustande und wir müssen hoffen, dass es Früchte trägt. Le Guins Buch verfügt über mehrschichtige politische Fragen und Gedanken. Spannend fand ich auch, wie sehr das Thema Nonbinarität hier von verschiedenen Seiten beleuchtet wird und sich schon im Titel zeigt. Der Roman straft so auch alle diejenigen rechten Kulturkämpfenden Lügen, die behaupten, das wäre ein "Modethema". Dazu kommt eine poetische Sprache und eine ruhige Erzählweise, die ich wirklich sehr genossen habe. Dennoch hätte ich mir etwas weniger Erklärungen und etwas mehr Handlung gewünscht. Das ist der Grund, warum ich nur 4 Sterne vergebe.