Dem Leben einer Mutter nachgespürt
Bei der letztwöchigen Lesung aus meinem Roman "Wolkenschwer", der sich mit dem Leben und der Demenz meiner Mutter beschäftigt, schenkte mir der Buchhändler "Maman" und meinte, dieser Roman könnte mich interessieren."Maman" von Sylvie Schenk (sie ist Französin, lebt aber schon lange in Deutschland und schreibt Deutsch) ist der Versuch, dem Leben ihrer Maman namens Renée nachzuspüren und Erklärungen für ihr Verhalten dem Mann und den fünf Kindern gegenüber zu finden.Da ist einmal Renées Herkunft, die von der angeheirateten bourgeoisen Familie als nicht standesgemäß erachtet wird. Gleich nach der Geburt verwaist, kommt Renée (Vater unbekannt) in die Krippe des Hôtel-Dieu, dann zu Pflegeeltern auf einen Bauernhof in der Ardèche, wo es ihr nicht gut ergeht, später zu einem kinderlosen Ehepaar nach Lyon, wo sie insbesondere von der Pflegemutter Marguerite liebevoll umsorgt wird, was die vorangegangenen Jahre jedoch nicht auslöschen kann. Wie schlecht die Behandlung der kleinen Renée in der Ardèche tatsächlich war, kann die Autorin nur vermuten. Überhaupt tragen Vermutungen diesen Text.Vermutung Nummer eins: Renées Mutter war, wie deren Mutter davor, eine Nebenerwerbsprostituierte, denn mit einem Hilfsarbeiterinnenlohn konnten sich Frauen ohne Mann in der damaligen Zeit nicht durchbringen. "Prostitution war gang und gäbe. Die Männer bumsten und zahlten. Die Frauen entbanden und starben."Vermutung Nummer zwei: Renée wurde auf dem Bauernhof nicht nur vernachlässigt (bestätigt durch den Bericht einer Fürsorge-Angestellten, die von "placement douteux", einer verdächtigen Unterbringung, berichtet), sondern auch missbraucht.Vermutung Nummer drei: Renée hat Sex mit ihrem Mann Jean nur ertragen, sich sogar vor ihm geekelt, so zumindest interpretiert die Autorin das, was sie als Jugendliche an der Schlafzimmertür der Eltern erlauschte. Für die Hochzeitsnacht imaginiert sie sogar das Aufsteigen von Bildern aus der Ardèche, die die Braut überfallen "der Hof, der Bauer, seine Frau, die Scheune, der Hund [...] Sie beginnt zu winseln, sich zu winden, zu hecheln, sie schreit, stemmt sich gegen die Schulter des Mannes..."Vermutung Nummer vier: Ein einziges Mal genoss Renée die körperliche Liebe. "Maman hatte sich um den Verstand verliebt." Sie beging einen "Fauxpas", vielleicht mit einem Bekannten der Familie, Arnaud, vielleicht mit einem deutschen Kommandanten, vielleicht mit dem charmanten Onkel Simon... Das Gerede gibt es, Nachweise keine, bloß die Tatsache, dass die von ihrem Mann finanziell kurzgehaltene Renée ihren Verlobungsring verkaufte, um Geld für die Flucht aufzubringen, die jedoch datumsmäßig nicht mehr zu verorten ist und nur zwei Tage dauerte.Und dann gibt es die divergierenden Erinnerungen. Telefonate und Gespräche mit den Geschwistern und einer Cousine ergeben unterschiedliche Wahrnehmungen von Renée, dieser unglücklich Schweigsamen, die "nur mit der Wäsche und mit Babys" sprach, dauernd strickte, kein Interesse am Schulfortschritt der Kinder zeigte, mit Ausnahme der Jüngsten. Mit ihr machte die Mutter sogar Aufgaben und fragte Prüfungsstoff ab.Es sind Puzzleteilchen, die von der Autorin aufgelegt werden, jedoch zu keinem vollständigen Bild zusammenfinden, denn Renée gibt nicht viel von sich preis. Am Totenbett - sie stirbt an Nierenkrebs - redet sie doch ein kleines bisschen und bestätigt der Autorin gegenüber die Flucht, auch den Verkauf des Rings, den sie wiederhaben wollte, als sie nach zwei Tagen zurückkehrte. Doch der Juwelier hatte ihn schon weiterverkauft. Als Erziehungsmaßnahme zwang Jean seine Frau, mit ihm zur "Prinzessin" zu gehen, einer übelriechenden Bettlerin, die in einer aufgelassenen Garage hauste. Sie sollte sich diese Frau genau anschauen, denn so hätte seiner Meinung nach auch Renée geendet, hätte sie ihre Flucht durchgezogen. Danach warf er der Bettlerin eine Münze zu. "Als dein Vater wieder im Haus war, [...] bin ich zurück zur Prinzessin. Ich habe ihr den Erlös des Rings gebracht."Vielleicht war Renée doch anders gestrickt, als es die Autorin vermutet. Vielleicht war in dieser Frau mehr Widerstandsgeist und weniger Passivität. Wer weiß? Es wäre ihr zu wünschen.