Lyrik auch für die, die normalerweise keine lesen, garantiert!
"Das Gedicht ist nicht die Welt.Es ist nicht einmal die erste Seite der Welt.Aber das Gedicht will aufblühen wie eine Blume.Das zumindest weiß es."Das englische Wort (to) embrace ist schwer zu übersetzen. Es meint nicht nur umarmen, es meint auch willkommen heißen und ist darin freudig, aber auch eine Spur fatalistisch, mit einem Zug zum qué será, será. Die Dichtungen Mary Olivers (erschienen in der Übersetzung von Jürgen Brôcan) könnte man als one great embrace bezeichnen.Denn es geht darin vor allem um das Bejahen des (angeblich so unmöglichen) wahren Lebens im falschen. Das Wahre, das ist bei Oliver der Ruf der Natur, die schlichte und doch überwältigende Präsenz des Elementaren. Aufgehen soll man in der Betrachtung, Gewahrwerdung dieses ewig Lebendigen, es auf sich überspringen lassen.Indirekt (und seltener auch direkt) kritisiert Oliver auch die kapitalistische, besitzorientierte Gesellschaft der Vereinigten Staaten (und der restlichen Welt). Dies zu sehr in den Vordergrund zu stellen, würde ihrer Lyrik aber nicht gerecht werden, denn die verhandelt etwas viel Grunsätzlicheres: die Blindheit gegenüber der Schöpfung, ihren Wundern und einfachen Lehren, und die daraus resultierende Profanisierung des Lebensgefühls. Für Oliver sind beide, Schöpfung und das Gefühl am Leben zu sein, geradezu heilig und ihre Gedichte sind wie Psalmen, in denen sie diesen Glauben zelebriert; Pflanzen und Tiere stehen neben dem lyrischen Ich am häufigsten im Mittelpunkt.Vögeln ist dabei ein besonderer Platz zugewiesen, sie bevölkern ihre Texte geradezu in Scharen. Sie sind die Sänger:innen, die das große Glück am Leben zu sein verkünden (dabei aber nicht nur von den ersten, sondern auch von den letzen Dingen singen).Olivers Sprache ist gewunden, manchmal voller Pathos, aber nie zu abstrakt, immer nah am Gegenstand, selbst wenn sie ihn transzendiert. Die Erfüllungen, die sie beschreibt, sind ansteckend, die Tiefen, die sie in einfachen Beobachtungen auslotet, beeindruckend. Nicht jede:r wird wohl etwas mit ihren doch hier und da romantisierten Naturwelten anfangen können. Doch vielen, glaube ich, könn(t)en sie Trost spenden, einen Trost, der nicht nur süßlich oder bitter, sondern intensiv und umfangreich ist.