Ein irisches Familiendrama. Enorm mitreißend
Paul Murray erzählt in "Der Stich der Biene" die Geschichte einer Familie in einer irischen Kleinstadt aus verschiedenen Perspektiven: Die Teenager-Tochter, der jugendliche Sohn, die unglücklich verheiratete Mutter, der in sich gekehrte Vater. Alle Figuren haben ihre eigenen Probleme, ihre Zweifel, ihre Vergangenheit, alle treffen Entscheidungen mit bisweilen dramatischen Konsequenzen. Und im Kleinen, im Provinziellen werden die großen, universellen Fragen bearbeitet: Welche Entscheidungen treffen wir selbst, welche werden für uns getroffen? Sind es kleine Momente, die unser ganzes Leben bestimmen? Gibt es eine Art von Schicksal oder ist das nur unsere eigene Interpretation der Dinge, das Zurechtbiegen der Realität in ein uns passendes Narrativ? Das alles wird sprachlich toll geschildert, ausführlich. Murray nimmt sich viel Zeit für die Gedankenwelt seiner Figuren, auch Details oder scheinbare Banalitäten werden über Seiten ausgebreitet, das muss man mögen. Sicher, der Plot hätte vielleicht auch in ein dünneres Buch gepasst, aber nur so entsteht eine enorm dichte Atmosphäre. Das Buch ist spannend geschrieben, man will wissen wie es weitergeht, man folgt den Irrungen und Wirrungen, den kleinen und großen Dramen des Lebens der Protagonistinnen, bis sich alles zu einem spannungsgeladenen Netz verknüpft, das jeden Moment zu zerreißen droht. Es fiel mir schwer, mit dem Lesen aufzuhören: Noch ein Kapitel, noch eines, ach noch eines geht doch oder? Am Ende ein rasantes, enorm spannendes Finale mit einem passenden Schluss.