Oszillation zwischen Fakt, Fiktion und Faszination. Reichskanzlerplatz ist nicht nur ein Roman über Magda Goebbels, sondern ein Zeitroman.
Der Klappentext vonReichskanzlerplatzmag einen anderen Inhalt vermuten, als tatsächlich drinsteckt. Auf den Roman muss man sich einlassen und muss altbekannte Literatur über den Nationalsozialismus kurzzeitig vergessen. Bossong hat mit demReichskanzlerplatzeine neue Art der Literatur über das Dritte Reich geschaffen: hier kommen die verschiedenen Diskurse zusammen, Tabus werden gebrochen und Emotionen konkret dargestellt. Genau wie der Erzähler und die Figur Hans Kesselbach legt sich der Roman nicht auf eine Emotion fest. Es ist ein ständiges Oszillieren zwischen Bewunderung und Hass. Das paradoxe hierbei ist, dass feste Dichotomien wie Schwarz/ Weiß oder Gut/ Böse sowie Opfer/ Täter aufgebrochen werden, aber eine Konnotation hiervon dennoch erkennbar ist. Magda Goebbels tritt hier in den verschiedensten Formen auf: als frühe Mutterfigur, bewundernswerte Frau, Liebhaberin, naive junge Frau und als Mutterfigur des Nationalsozialismus sowie als Ehefrau von Goebbels. Durch die Narration wird hierbei aber kein Schwarz-Weiß-Denken gefördert, sondern immer auf verschiedene Bilder der Figur verwiesen. Eine weitere Besonderheit des Romans ist dessen diskursive Vielfalt: hier werden Diskurse wie Homosexualität, Nationalsozialismus, Politik, Familie, Freundschaft, Liebe etc. verhandelt und miteinander verwoben. Die Zeitspanne wird durch die verschieden Abschnitte kontextualisiert, sodass manche Diskurse oder Handlungsstränge durch vorhandenes geschichtliches Wissen eingeordnet und interpretiert werden können. Die diskursive Entfaltung geht aber über diese Zeitspannen hinaus und lässt dabei die Fragen offen, wo und wer wir heute sind. Die Autorin hat einen gewaltigen Sprachstil, der in vielerlei Hinsicht wenig Erklärung bedarf, sondern viel für sich spricht. Ich empfehle, dass man auf jeden Fall dranbleiben soll, da der Schreibstil eine Sogwirkung mit großem Interpretationsspielraum entfaltet. Bezeichnend für den Schreibstil ist, dass viele bekannte Termini nicht explizit genannt werden (beispielsweise wird das Wort "Hitler" nur dezidiert verwendet, aber dafür alternative Bezeichnungen). Bossong weißt weder plakativ noch explizit auf etwas hin, sondern lässt es für die Rezipient:innen offen und entfaltet einen diskursiven Interpretationsspielraum. Kleinere Kritikpunkte sind unter anderem der Klappentext, der etwas anderes vermuten lässt. Das Werk hat diesen Klappentext auf keinen Fall nötig, da der Inhalt auf so vielen Ebenen für sich spricht und überzeugt. Gegen Mitte/ Ende hat der Roman durchaus seine Längen, die konträr zum schnellen Anfang sind. Die Längen sind aber nicht übermäßig störend. Reichskanzlerplatzist ein Porträt von Magda Goebbels aus einer abgeschotteten, aber nicht distanzierten Sicht; es ist vielmehr ein Porträt einer Zeit sowie ein diskursives Netzwerk. Wer mehr als den Klappentext erwartet, ist hier auf jeden Fall richtig. Bossong hat ein Werk über eine Zeit geschrieben, über die im Übermaß geschrieben worden ist, aber noch nicht genug.Reichskanzlerplatzist ein literarisch gut ausgearbeiteter Perspektivenwechsel, der neue Möglichkeiten eröffnet und einen mit vielen Gedanken zurücklässt. Eine absolute Empfehlung für alle, die einen anderen Blick mit einem Queeren Twist lesen möchten.