Bernd Köstering, bekannt durch seine Literatur-Krimi-Reihe, präsentiert uns mit "Die Witwen von Weimar" einen historischen Roman, der neben Krimi-Elementen auch eine gehörige Portion Sozialkritik enthält. Worum geht's? Man schreibt das Jahr 1804 und die Napoleonischen Truppen überziehen Europa mit Krieg und Elend. In wenigen Wochen wird sich Napoleon die Kaiserkrone auf sein Haupt setzen. Weimar ist aktuell davon nur am Rande betroffen, weshalb uns der Autor das Alltagsleben der Stadt eintauchen lässt. Zum einem dürfen wir am Leben von Louise von Göchhausen, der ersten Hofdame der Herzoginmutter Anna Amalia, teilhaben und zum anderen erhalten wir Einblick in die Familie des unverheirateten Tischlergesellen Wilhelm Gansser, der noch bei seinen Eltern lebt. Dass Luise und Wilhelm miteinander die mysteriösen Todesumstände zweier Witwen, die kurz nach ihrer neuerlichen Vermählung verstorben sind aufklären, ist eigentlich kaum möglich, denn die beiden gehören unterschiedlichen Ständen an. Allerdings eint die beiden Neugier, Mut und praktischer Verstand sowie Scharfsinn, um jene Geheimnisse zu enthüllen. Mit von der Partie sind auch Johann Wolfgang von Goethe als jene Person, die Gott und die Welt kennt und durch seinen messerscharfen Verstand, seine eigenen Schlüsse zieht, sowie Herzoginmutter Anna Amalia, die manchmal über ihre unbotmäßige Hofdame not amused ist. Meine Meinung: Bernd Köstering hat mich mit seinem historischen Roman sehr gut unterhalten. Denn ich mag es, penibel recherchierte und gekonnt erzählte Geschichten, bei dem auch ein wenig Humor nicht fehlen darf, zu lesen. So dürfen wir an gemeinsam mit Goethe, Schiller und Wieland an Anna Amalias Teegesellschaften teilnehmen und - vor allem für Fans der Weimarer Klassiker interessant - uns an diversen Literaturzitaten und Bonmots erfreuen. Daneben erhalten wir Einblick in den mühsamen Alltag der Dienstboten im allgemeinen und der Frauen im Besonderen. der eine oder andere feministische Gedanke darf auch nicht fehlen. So dürfen wir uns darüber empören, dass "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" auch im revolutionären Frankreich nur für Männer gilt. Frauen wie Olympe de Gouges (1748-1793), die dasselbe auch für ihresgleichen fordern, finden die Gleichberechtigung erst unter der Guillotine. Dieser historische Roman besticht vor allem durch seinen Schreibstil, der unter anderem durch den damaligen Sprachduktus hervorsticht. So wird seitens der Adeligen nicht nur gesiezt, sondern vor allem den niedrigen Ständen gegenüber, geerzt. Geschickt sind historische Personen und fiktive Charaktere in Szene gesetzt.Fazit: Gerne gebe ich diesem historischen Roman, der mich nicht nur bestens unterhalten, sondern auch bei einem Spaziergang auf den Weimarer Frauenplan begleitet hat, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.