Der Schreibstil war zunächst nicht einladend, aber der Inhalt ist so wichtig und zeigt viel auf. Unheimlich relevant, gestern, heute, morgen
"Was wir nicht kommen sahen" von Katharina Seck lag nun schon länger bei mir zuhause rum und da vom Wechsel vom alten zum neuen Jahr schon mal mehr Ruhe einkehrt und auch viele Urlaub haben, sodass sich allgemein weniger in der Welt tut, war nun der perfekte Zeitpunkt für die Lektüre gekommen. Von einer Bloggerin hatte ich schon gehört, dass sie das Buch sehr wichtig fand und ich war gespannt, ob ich dieses Urteil auch fällen werde."Was wir nicht kommen sahen" hat mich nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen. Der Schreibstil ist erstmal etwas gewöhnungsbedürftig. Keinesfalls, weil er schlecht ist, aber er ist definitiv etwas, was ich nicht ständig so erlebe, also braucht es einen Gewöhnungseffekt. Der Stil schwebt zwischen einfacher Sprache und Poesie, das trifft es wohl am besten. Da inhaltlich direkt eine Schwere auf der Geschichte liegt, geht es viel um Emotionen und da nutzt Seck für die Mutterrolle Jenny eine sehr bildliche Sprache. Das erfordert viele Beschreibungen am Stück, was dann leider nicht direkt einen optimalen Lesefluss erzeugt hat. Aber mir war gleich klar, dass mich der Inhalt interessiert und ich weiterlesen werde.Das hat sich auch in jedem Fall gelohnt. Zumal die Autorin dann auch einige Wege gefunden hat, ihrem Stil Abwechslung zukommen zu lassen. Es gibt immer noch viele beschreibende Phasen, aber durch die wechselnden Perspektiven zwischen Ada, Mutter und der Anonymität sind immer wieder Brüche da und es gibt vor allem sehr spannende Phasen, in denen dann auch Jenny aktiv wird, sodass sich dann viel schneller durchs Buch fliegen ließ. Ich fand auch, dass es der Autorin absolut gelungen ist, eine Parallelität der Ereignisse zu erzeugen, obwohl wir auf verschiedenen Zeitebenen sind. Aber Jennys Recherche, warum ihre Tochter sich getötet hat, hat dann immer zu den Rückblenden gepasst, sodass wir das Schrecken als Elternteil mit dem gepaart haben, was Ada jeweils gefühlt hat und wie es sich immer mehr als Ballast summiert hat.Auch wenn ich es berührend dargestellt fand, wie Jenny und ihr Mann als trauernde Eltern fühlen und miteinander umgehen, so fand ich den stärkeren Teil eindeutig, wie sie dann nach der Wahrheit sucht. Es war keinesfalls ein Krimi oder Thriller, aber es kam geliehen Elemente, sodass es echt interessant war, wie was zum nächsten geführt hat. Ich selbst bin in Social Media bewusst sehr zurückhaltend unterwegs und all das, was ich als Nachteile wahrnehme, ist exzellent literarisch verarbeitet worden. Was Ada alles erleben musste, ist anschaulich dargestellt worden. Da waren die Kapitel aus der Sicht der Anonymität auch absolute Highlights, weil es sehr unterschiedliche anonyme Personen sind. So erlebt man die, die von echtem Hass aus ihrer Unzufriedenheit genährt sind und regelrecht zerstören wollen. Es gibt die Mitläufer, die ihre Situation anderen Gruppen vorwerfen und sich daher infizieren lassen und es gibt die, die selbst schon Opfer waren und daher hoffen, etwas von sich ablenken zu können, indem sie selbst mitmachen. Das sind sicherlich nicht alle Perspektiven, die es draußen gibt, aber es ist in jedem Fall eine Bandbreite, die für mich erschreckend und eindrücklich abgebildet wurde.Was für mich auch länger im Kopf bleiben wird, das ist die letztliche Aussage, die das Buch uns als Leserschaft bieten möchte. Wir sehen so viele hässliche Seiten von der digitalen Welt, vor allem von Social Media und dennoch ist das Buch keine Abrechnung. Es rüttelt auf. Einmal die, die so alt wie Ada sind und hoffentlich noch einen Fuß in der Realität halten. Dann wieder Eltern, die auch bei der digitalen Erziehung eine Verantwortung haben und dann auch alle anderen, die mit offeneren Augen durchs Leben gehen wollen und sollen, weil wir alle Verantwortung tragen. Und für so etwas ist auch Social Media von einer großen Bedeutung, denn immer und überall vernetzt zu sein hat auch Vorteile und das legt das Buch ebenso dar. Wie sich ein negativer Mob motivieren lässt, so gilt das auch für eine Gruppe mit einer starken, positiven Botschaft. Man kann mobilisieren und etwas bewirken. Wir haben mit Ada auch eine junge Person kennengelernt, die ihre Followerzahl zunehmend als Chance gesehen hat, etwas bewirken zu können. Das sind all die kleinen Aspekte, die zeigen, dass wir ein hoffnungsvolles Mittel haben, aber dass es noch zu einfach missbraucht werden kann, ohne dass Konsequenzen befürchtet werden müssen.Fazit: "Was wir nicht kommen sahen" ist inhaltlich sehr relevant und das wohl auch für eine lange Zeit, weil Social Media relevant bleiben wird und durch KI noch einmal verschärft wird. Das Buch legt uns viele Perspektiven dar, es bietet neben Nachteilen auch viele Vorteile. Der Schreibstil war nicht immer so leicht, aber es lohnt sich, bis zum Ende dabei zu sein.