Authentische Own-Voice-Romance über bi Awakening, Quarterlifecrisis und die Frage, wer man ohne Beziehung eigentlich ist.
Inka Lindberg legt mit "All the things (s)he said" ihren zweiten Roman nach dem gefeierten "We fell in love in october" vor und knüpft nahtlos an ihre Position als eine der wichtigsten deutschen queeren New-Adult-Stimmen an. Skye lebt in Köln, ist Mitte zwanzig und Serial Monogamist. Kaum ist eine Beziehung vorbei, ist die nächste in Sichtweite. Zwischendrin verliert sie sich selbst, passt sich an, wird zur Freundin von jemandem, bevor sie überhaupt weiß, wer sie ohne Beziehung ist. Nach der Trennung von Lukas fasst sie einen für sie revolutionären Vorsatz: ein Jahr lang single, kein Dating, kein Ausweichen. Dann ziehen Amir und Naima in ihr Haus ein. Amir, charmant, warm, vertraut. Und Naima, selbstbewusst, direkt und irgendwie herausfordernd. Und plötzlich merkt Skye, dass ihre Aufmerksamkeit für Naima anders ist als alles, was sie bisher gefühlt zu haben glaubte.Am stärksten überzeugt hat mich das Dreieck Skye, Amir und Naima. Inka Lindberg baut daraus kein klassisches "Wen kriegt sie am Ende"-Spiel, sondern eine kluge Reflexion darüber, wie unterschiedlich zwei Menschen in Beziehung mit einem selbst stehen können. Mit Amir ist es das Vertraute, das Skye ihr Leben lang gelernt hat und in dem sie sich immer wieder verliert. Mit Naima ist es das Neue, das ihr Fragen stellt, denen sie bisher konsequent ausgewichen ist. Beide Figuren werden dabei mit Respekt gezeichnet, keine wird zur Kulisse für Skyes Selbstfindung degradiert.Skyes Queer Awakening halte ich für eine der ehrlichsten Bi-Darstellungen in der deutschen New-Adult-Literatur. Inka Lindberg zeigt kein plötzliches Aha-Erlebnis, sondern das langsame Erkennen, die Selbst-Wegerklärungen frührer Momente, die Frage nach dem eigenen Recht auf diese Identität und die typische Angst, nicht "genug queer" zu sein. Wer selbst spät erkannt hat, wird viele dieser Gedanken schmerzhaft wiedererkennen. Der Titel als bewusstes Zitat des t.A.T.u.-Klassikers von 2002 bindet Skyes Reise noch dazu in eine breitere queere Popkultur-Geschichte ein, was eine schöne, generationsübergreifende Klammer schafft.Genauso stark finde ich die Quarterlifecrisis-Ebene. Inka Lindberg erzählt keine dramatische Krise, sondern die stille Sorte, die Millionen Menschen Mitte zwanzig kennen. Die Frage, ob die Freundschaften, der Beruf und die Muster in Beziehungen wirklich zu einem passen oder ob man einfach dort gelandet ist. Wie schwer es sein kann, im Erwachsenenalter neue Freundschaften zu knüpfen. Und wie unbequem ehrliche Selbstkonfrontation ist, wenn die Flucht in die nächste Beziehung wegfällt. Köln als lebendiges Setting rundet das Ganze schön ab.Ehrlich muss ich sagen, dass der Slow Burn stellenweise etwas breit ausfällt und ein paar Passagen straffer hätten sein dürfen. Die Nebenfiguren im Umfeld von Skye bleiben zum Teil skizzenhaft, und der didaktische Anspruch, wichtige Konzepte rund um Bi-Sexualität mitzuvermitteln, kippt an ein paar Stellen leicht in Erklärmodus. Wer schon viele Queer-Awakening-Romane gelesen hat, wird einige Elemente vertraut finden. Das Buch ist frisch, aber nicht revolutionär.Trotzdem ein herzlich empfehlbarer Roman für alle Fans queerer New Adult, für Leser:innen mit Interesse an ehrlicher Bi-Repräsentation und für alle, die die Quarterlifecrisis nicht als Marketing-Buzzword, sondern als gelebten Alltag empfinden. Inka Lindberg bleibt eine der wichtigsten Stimmen der deutschen queeren New-Adult-Szene, und ich bin schon jetzt neugierig auf ihr nächstes Buch.