
Eine große literarische Wiederentdeckung
Die kalten Nächte der Kindheit erzählt vom Heranwachsen einer Frau, von ihrem Begehren, ihren Träumen, ihrer Widerständigkeit. Und wirkt darin heute so aktuell wie damals.
»1949. In einer Provinzstadt in Anatolien mit 4000 Einwohnern lerne ich die Welt sehen. Bin 6 Jahre alt. . . . Ich empfinde die maßlose Größe der Welt und weiß, dass ich fort und weit weg gehen werde. « So schreibt Tezer Özlü 1981 an den Deutschen Akademischen Austauschdienst über das prägende Gefühl ihrer Kindheit.
Erwachsen geworden, wird sie nach Berlin, Paris und Zürich reisen, fort und weit weg von der Türkei und den »Menschen in Uniform«, dem lauernden Wahnsinn. Sie tauscht die heimischen Obstgärten und Klassenzimmer der Nonnenschule ein gegen die Straßen und Cafés europäischer Hauptstädte - und gegen das Schreiben. Um eine Welt zu erfinden, die ihr entspricht. Indes wird sie über Jahre in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Doch selbst das kann ihren Willen nicht brechen.
Besprechung vom 19.11.2025
Auf den Korridoren des Ich-Labyrinths
Vervielfachung des Augenblicks: Tezer Özlüs Roman "Die kalten Nächte der Kindheit"
Manche Schreibende werden postum geboren. Franz Kafka, Emily Dickinson, John Kennedy Toole - erst nach ihrem Tod wurde diesen Riesen die verdiente Würdigung zuteil. Zur Gruppe der literarischen Spätentdeckten zählt auch die türkische Autorin Tezer Özlü. 1943 im anatolischen Simav geboren und 1986 in Zürich verstorben, wurde sie zu Lebzeiten zwar gelesen. Dass ihre Sprache, ihre Erzähltechnik, ihre Poesie an die Größe etwa von Sylvia Plath oder Ingeborg Bachmann heranreichen, weiß man in Deutschland aber erst seit letztem Jahr.
2024 erschien Özlüs 1982 auf Deutsch verfasster grandioser Roman "Suche nach den Spuren eines Selbstmordes", für den die seinerzeit in Berlin lebende Autorin mit dem Marburger Literaturpreis ausgezeichnet worden war. Dieses zutiefst lyrische Buch, das sich auf den Spuren von Cesare Pavese durch Mitteleuropa und die Korridore eines Ich-Labyrinths bewegt, kam 1983 in Özlüs Eigenübersetzung auch in der Türkei heraus. Letztes Jahr veröffentlichte Suhrkamp dann endlich die Originalfassung. Der Roman ist eines der existenzialistisch-eindrucksvollsten Werke deutscher Sprache der frühen Achtzigerjahre.
Nun folgt in Deniz Utlus Neuübersetzung Özlüs Debüt "Die kalten Nächte der Kindheit". Auf Deutsch erstmals 1985 in Wolfgang Riemanns Übertragung erschienen, erzählt dieser modernistische Bildungsroman vom Aufwachsen einer namenlosen Erzählerin in einer kemalistisch geprägten Familie aus Istanbul in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts.
Die Welt des Mädchens ist von der Schwerkraft der Kleinbürgerlichkeit und eines patriarchalen Nationalismus gezeichnet: "Die türkischen Männer der Generation meines Vaters lieben das Militär." Die Eltern des Kindes unterrichten an Schulen, wodurch früh das Kernmotiv eines Lebens im Schatten einengender, freiheitsbeschneidender Institutionen aufscheint. Im Laufe des Romans sind es verschiedenste institutionelle Systeme, die das Leben des Menschen, das Leben besonders von Frauen, bestimmen wollen - und wogegen der Roman voller Würde und Poesie anrennt.
Die Kindheit macht kaum ein Viertel des kurzen Buchs aus. Doch dessen Titel besitzt einen großen Hallraum, da schon auf der vierten Seite ein abrupter Zeitsprung vorausschaut; ein harter Riss geht durch die eher typischen, mal idyllischen, mal irritierenden "Kindheitsbilder": "Im Bett liegend, fand ich immer nur schwer in den Schlaf. Hörte jedes Geräusch in der Umgebung, sah jedes Licht. Sogar in den stillen Nächten der Krankenhäuser hörte ich die Schreie aus der benachbarten Kinderklinik und konnte nicht schlafen."
So stark der Bruch zwischen Kindheit und späterer Krankenhauserfahrung auch ist, so subtil werden die beiden Zeitebenen aufeinander bezogen: Die kalten Nächte der Kindheit klingen nach in den stillen Nächten der Psychiatrien, in denen die Erzählerin als junge Frau bald "unendliche Einsamkeit", qualvolle Elektroschocktherapie und sogar sexuelle Gewalt durch Klinikpersonal erfährt. Obwohl sie erwachsen und emanzipiert ist, tanzt und trinkt und sexuelle Freiheit erfährt, bleibt sie auf eine spezielle Weise immer Kind - von patriarchalen Institutionen bevormundet, eingesperrt, medikamentös still gestellt und kleingehalten.
Wie in dem späteren Roman "Suche nach den Spuren eines Selbstmordes" durchwuchern suizidale Gedanken die Psyche der Erzählerin ("Ich werde von Gedanken an den Tod verfolgt"). Nach einem Suizidversuch in der Kindheit beginnt eine lange Reihe von Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken, wo ihre Seele offengelegt und erst recht versehrt wird.
Markerschütternd sind die Schilderungen der Therapie-Erfahrungen, wenn sich die Erzählerin in einem "Elektroschockkoma" befindet, dessen Qual für sie kaum Grenzen kennt ("Gewaltiger als eine Todeserfahrung"), und Özlü zeichnet das Innenleben ihrer autobiographisch gesträhnten Figur durch experimentelle Formen. Der Verzerrung der Seele muss eine Verformung der Ästhetik folgen. In einem zweiseitigen Bewusstseinsstrom bewegt sie sich an den Rand des Erfahr- und Beschreibbaren in den Zuständen des Komas infolge der Elektroschocktherapie. Sie findet eine atemlose Form, die an Prosagedicht und modernistische Lyrik erinnert: "immer habe ich für mich allein gelitten / was haben sie davon, wenn ich sterbe / was ist, wenn ich sterbe / aber sie übertreiben mit der Intensität der Elektroschocks / ich spüre das Zittern des Stroms in den Metallfüllungen meiner Zähne / es ist nicht zum Aushalten".
Trotz dieser furchtbaren Schilderungen ist der Roman alles andere als ein Schreckensbuch, denn Özlüs Prosa flackert stets zwischen Schönheit und Schrecken, zwischen Niederung und Hoffnung. Ebenso gleitet die Erzählerin immer zwischen verschiedensten Personen, Zeiten und Orten hin und her, um sowohl das Verwaschen der Erinnerung als auch die Zerrissenheit einer kranken Psyche zu vermitteln.
Die Jahre der Erniedrigung - von der katholischen Nonnenschule, die sie als Kind besucht, über die Psychiatrien bis hin zur lieblosen Ehe mit einem enttäuschenden Ehemann - werden vermischt mit Momenten von Schönheit und Liebe, Freundschaft und Trost. All diese Momente, die schlimmen wie die schillernden, besitzen für Erzählerin und Autorin eine besonders beständige Größe, weil sie festgehalten und überhöht werden durch die literarische "Vervielfachung des Augenblicks".
Am Ende des Romans findet die Protagonistin Befreiung durchs Schreiben und resümiert auf schlichte, aber glanzvolle Weise übers Leben: "Es gibt nur das Glück der Liebe und Begehren. Die Jahre, die Ereignisse haben mich nicht zermürbt, im Gegenteil, sie haben meinem Herzen die Richtung gewiesen. Sie haben mich das Heilige gelehrt - sie haben mir das Schöne gezeigt und was es bedeutet zu lieben, das Heilige zu finden in der Berührung der Haut eines Menschen, und es zu genießen."
Tezer Özlüs Kunst war es, den flüchtigen Moment poetisch still zu stellen, den Augenblick zu heiligen und zu vervielfachen. In ihren beiden nun auf Deutsch verfügbaren Romanen kann man fast auf jeder Seite über diese große Kunst staunen. JAN WILM
Tezer Özlü: "Die kalten Nächte der Kindheit". Roman.
Aus dem Türkischen und Nachwort von Deniz Utlu. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. 112 S., geb.
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