Ambitioniert, aber nicht umfassend.
Auf dieses Buch hatte ich mich gefreut, denn ich hatte bisher "nur" Bücher über Manns Kinder und seine Frau gelesen, niemals über den "Zauberer" selbst. Doch dieses Buch lässt mich so enttäuscht und unerfüllt zurück. Obwohl der Autor mit seiner Biografie über Golo Mann gezeigt hat, dass er gut schreiben kann. Dieses Buch jedoch kann sich nicht entscheiden, was es sein will. Was es gut kann: Thomas Mann als unsicheren, egoistischen Menschen darstellen.Worum geht es?Der zentrale Aspekt ist Thomas Manns Homosexualität. Dafür widmet sich der Autor anfangs dem unveröffentlichten Briefwechsel mit (platonischem) Freund Otto Grautoff. In der Mitte es Buches geht es mehr um Manns Werke und die Beziehung zu seinen Kindern, im letzten Fünftel um die Forschung zu Thomas Manns Sexualität und der Würdigung Otto Grautoffs. Rahmen geschlossen.Was der angepriesene Essay Susan Sontags im Buch verloren hat, und das in deutsch UND englisch, erschließt sich wenig.Wie hat mir das Buch gefallen?Das Buch versucht aus wenig viel zu machen. Immer wieder betont das Buch den bisher unveröffentlichten Briefwechsel mit Otto Grautoff, genauso wie dessen Biografie. Allerdings: Beides ist zugänglich, wurde jedoch bisher nie als Buch veröffentlicht.Schon auf den ersten Seiten wiederholt sich das Buch ständig, interpretiert die Briefe, zitiert daraus, fasst noch einmal irgendwie zusammen. Und am Ende lesen wir die kompletten Briefe noch einmal im Anhang. Das war ein spannendes Erlebnis - wenn Lahme nicht aus genau diesen Briefen bereits das Wichtigste herausgepickt hätte. Wirklich Neues erfährt man nicht. Diese Art, Fakten zu wiederholen, zieht sich durch das ganze Buch.Genauso wie das brachiale Einbauen von Zitaten, das mich an meine ersten Gehversuche im Geschichtsunterricht der 7. Klasse erinnerte. Ein Beispiel von 7 %, bei dem Lahme ein Gedicht von Mann zitiert: "Kalte Hände halten sich, 'Dein liebes Blondhaupt' schmiegt sich meeresfeucht an die Schulter des lyrischen Ichs, der Abschied kommt unerbittlich. Und erneut wehmütig: 'Nie - niemals wieder ...'" Hier ist kaum erkennbar, was Zitat und was Meinung des Autors ist. An anderen Stellen wird das auch optisch ein Problem, weil zuviele Anführungszeichen, zuviele Bausteine, den Lesefluss behindern.Die Briefe sind auch inhaltlich ein Problem, denn wir sehen nur die Briefe, die Mann an Grautoff geschrieben hat - die Gegenseite fehlt, weil Mann viele Briefe vernichtet hat. Und Grautoff die Briefe Manns im wahrsten Sinne des Wortes beschnitten hat. Abgesehen von der moralischen Frage fehlt hier also einiges.Mich hat vor allem gestört, dass Lahme ein einseiges Bild von der Meinung über Homosexualität um 1900 entwift - er beruft sich auf Albert Moll und Richard von Krafft-Ebing, die Thomas Manns Vorstellung geprägt haben. Ich kann das verstehen, aber es wäre gut gewesen, wenn das Buch hinterfragt hätte, ob es auch andere Möglichkeiten gegeben hätte. Denn es weist indirekt darauf hin, dass auch einige Männer in Manns Umfeld offen oder ungeoutet schwul waren.Ein großes Problem, das ich mit dem Buch hatte: Lahme zeigt uns nicht, welche Folgen die (nach außen) unterdrückte Homosexualität hatte. Wie seine Frau damit umging, wie die Kinder, vor allem der älteste Sohn Klaus, der ganz anders als der Vater gelebt hat. Und ob er mitbekam, das sein Vater ihn nicht nur mit väterlichen Augen betrachtete. Und was es mit Kindern macht, die ihrem älteren Vater dabei zuhören, wie er vom Kellner schwärmt. Damit hätte sich das Buch weg vom eher wissenschaftliche hin zum psychologisch-spekulativen begeben - aber wirklich wissenschaftlich ist der Text ohnehin nicht.Was das Buch gut macht, ist den Zusammenhang aus Manns Neigung und seinen Werken herzustellen. Es arbeitet gut Codes heraus und beleuchtet, welche Grundlagen bestimmte Szene und Figuren haben. Letztlich folgt man dem Text durch die Schwärmereien Manns, die oft literarischen Folgen hatten. Ohne Happy End für ihn, aber für seine Leserschaft.Trotzdem wirkt Mann hier nicht als Künstler, sondern wie jemand, der durch sein Leben stolpert. Es verankert zuwenige Fakten zu Mann, konzentriert sich stattdessen auf Wertungen. Es fehlt der rote Faden. Außerdem springt das Buch innerhalb eines Kapitels oft in der Chronologie hin und her, ich habe manchmal den Überblick verloren.Im Gegensatz zur Golo Mann-Biografie, die etwas zu trocken war, ist der Stil hier sehr locker. Immer wieder greift Lahme vor oder zurück ("dazu später mehr." - 12 %), betont, wie talentiert Thomas Mann war und wie ungewöhnlich es ist, dass die Briefe nicht veröffentlicht sind. Am Ende regt er sich darüber auf, dass Manns Homosexualität von Biografen verschleiert oder abgelehnt wurde ("Alle mal tief durchatmen?" - 80 %). Und immer wieder Kommentare z.B. "Willri, immer wieder aufs Neue." (25 %)Und weil diese Briefe und Tagebucheinträge so wichtig sind und weil das Buch so gern mit Wiederholungen arbeitet, lesen wir ab 79 % noch ein paar kurze Auszüge aus Manns Tagebuch, inklusive erfolglosen Korpulationen mit Katia, Selbstkritik aufgrund Feuchter Träume usw. All das hat der Autor bereits vorher erwähnt, aber es tat gut, dass noch einmal in eine Textkästchen zu lesen. *Ironie ausgeschaltet*Warum der kurze Bericht Susan Sontags über ihren Besuch bei Mann als junge Studentin erwähnt werden und zweifach abgedruckt werden muss, kann ich mir nur halb erklären. Denn wirklich etwas von Mann sehen tun wir nicht. Auch zu Sontags junger Interpretation des "Zauberbergs" lesen wir nichts. Aber Sontag befand sich auf einem ähnlichen Weg wie Mann, sie verleugnete ihre Homosexualität - ähnlich wie Mann bis zum Schluss. Ich denke, der Autor wollte hier möglicherweise zeigen, dass sich die Zeiten nicht geändert haben.Und zum Schluss stellt sich noch die moralische Frage: Muss das sein? Müssen Briefe, Tagebucheinträge usw. durchleuchtet werden, weil sie möglicherweise Hinweise auf das Schaffen des Autors geben? Muss man als Autor damit rechnen, das solche privaten Dokumente ausgewertet werden? Wie verwerflich ist es, dass Grautoff Manns Briefe nicht verbrannt hat - und wie verwerflich ist es, diese jetzt zu veröffentlichen? Fügt all dieses Wissen dem künstlerischen Werk etwas hinzu? Fügt es der Person etwas hinzu? Oder befriedigt es den Drang, das Genie zu entmystifizieren? Übrigens ein Aspekt, der sich durch das ganze Buch zieht: Thomas Mann als Talent herausstellen, aber seinen Charakter in Zweifel ziehen. Im Falle von Manns Homosexualität kann noch gefragt werden, ob diese Erkenntnisse jungen queeren Menschen helfen, sich verstanden zu fühlen.Letztlich ist Lahmes Biografie nur ein Ausgangspunkt für diesen Bereich Thomas Manns Lebens. Es reicht aber inhaltich nicht für 470 Seiten (plus Anhang) und nicht für 28 Euro.FazitWas eine umfassende Biografie über Mann lesen will, sollte definitiv ein anderes Buch wählen. Wer aber wissen will, wie sich Manns unterdrückte Leidenschaft für Männer in seinen Werken widerspiegelt, sollte reinlesen.