Wenn kleine Dinge große Leben erzählen
Was für ein Fund: Henning Sußebach gräbt in einer Schachtel mit Fotos, Poesiealbum-Einträgen und einem alten Verlobungsring und zaubert daraus das Porträt einer Frau, die mehr war als ihre Zeit erlaubte. Anna Kalthoff ist keine historische Ikone, sondern eine lebendige Widergängerin ¿ jemand, der man gern einen Kaffee hinstellt, um anschließend stundenlang zuzuhören. Der Autor bleibt nah an den kleinen Dingen: ein Kaffeeservice, eine Postkarte, ein Satz in einem Heft ¿ und plötzlich erzählt das Alltägliche von Mut, Trotz und einem feinen, fast frechen Selbstbestimmungswillen.Das Buch lebt von dieser Zärtlichkeit für Details und von Sußebachs klarer Stimme. Statt in verstaubten Archivbegriffen zu versinken, erzählt er mit einem Augenzwinkern und mit dem Ehrgeiz, eine Frau wieder sichtbar zu machen, die sonst im Familiengedächtnis verschwunden wäre. Die Sprache ist warm, manchmal direkt, immer persönlich ¿ so als würde einem ein Bruder oder ein guter Freund die Familiengeschichte beichten. Emotional wird es dort, wo eigene Lebenslinien auftauchen: die Erkenntnis, dass Entscheidungen von Vorfahren sich wie verschlungene Straßen in das eigene Leben legen.Manche Stellen könnten noch tiefer graben, ein paar Zusammenhänge bleiben absichtlich offen ¿ das ist aber eher künstlerische Zurückhaltung als Mangel. Insgesamt ein berührendes, kluges Buch über Selbstbestimmung, Liebe und die Kunst, die eigene Vergangenheit zu retten. Empfehlenswert für alle, die Familiengeschichten nicht als trockene Archivalien sehen, sondern als lebendige Erzählungen, die Mut machen.