
Besprechung vom 30.12.2025
Klimaethik im Gutachtenstil
Welche Verantwortung trägt der Einzelne für die Bekämpfung des Klimawandels? Frauke Rostalski macht sich die Antwort zu einfach.
Von Lukas Fuhr
Leben ist lebensgefährlich. Aber auch Lesen ist ein Risiko, beweist die Rechtsphilosophin Frauke Rostalski mit ihrem Buch. Die Wissenschaftlerin kennt sich mit Lebensrisiken aus, während der Corona-Jahre stand sie aufseiten der Freiheit, nicht der Sicherheit. Nun nimmt Rostalski sich ein Risiko vor, das seit Jahren größer wird und aus ihrer Sicht bald "die Spitzenposition aller derzeit bekannten Risiken" einnehmen dürfte: die Erderwärmung. Die Juristin traut sich, daraus nicht umgehend ein breites Plädoyer für eine grundsätzliche ökologische Transformation zu halten. Sie verschont ihre Leser auch mit einer Abhandlung über die abstrakte Verantwortung von Menschen für die Bekämpfung des Klimawandels. Stattdessen fragt sie, "worauf sich diese Verantwortung konkret erstreckt, wen sie trifft und zu welchem Zeitpunkt".
Das ist eine exzellente Frage. Und Rostalski hat wohl recht, wenn sie schreibt, dass der Diskurs in dieser Sache nicht gut läuft. Deshalb eines vorneweg: Frauke Rostalski ist nach allem, was man bei ihr lesen kann, ganz und gar keine Klimaleugnerin. Als solche, kritisiert die Wissenschaftlerin, würden schnell alle diejenigen gebrandmarkt, die sich "durch diverse Szenarien bedroht fühlen, in denen sie ihren eigenen Lebensstil zum Schutz vor dem Klimawandel mitunter erheblich ändern müssten". Und auch diejenigen, die fragen, ob die gegenwärtige Klimapolitik eigentlich ihren Zweck erfüllt, also dazu beiträgt, die weltweiten Emissionen zu senken. Eine erste Schwäche des Buches ist, dass Rostalski nicht detailliert darlegt, was sie als die gegenwärtige Klimapolitik sieht, die hinsichtlich ihrer Effizienz beurteilt werden soll.
Rostalski dekliniert ihre Argumentationsschritte jeweils rechtlich wie ethisch durch - oft unterscheiden sich die Argumente dabei irritierend wenig. Ethik wird zu einer Disziplin, für die man weniger Kant und mehr juristischen Gutachtenstil zu brauchen scheint. Überhaupt schwankt das Buch zwischen Polemik und juristischem Paper. Es gibt reichlich Fußnoten, die vor allem erhellen, dass dies kein Buch ist, das auf der Höhe der philosophisch-ethischen Debatte ist. Einige Seiten zu Hans Jonas belegen zum Beispiel, dass gegenwärtigere Debatten hier nicht berücksichtigt werden. Der Gegensatz zwischen Verantwortungsethik und "derzeit freilich besonders verbreiteten" gesinnungsethischen Konzeptionen ist Rostalskis theoretische Grundüberzeugung. Das Zerrbild, Gesinnungsethiker achteten nur auf den Sinn ihrer Handlungen, ist so unplausibel wie die Existenz von Verantwortungsethikern, die Handlungen ausschließlich anhand ihrer Folgen wählten - allein: wer überblickt diese schon wirklich? Man kennt diese polarisierende Darstellung aus der populärwissenschaftlichen Debatte, von einer Wissenschaftlerin hätte man aber mehr erwartet - erst recht, wenn sie antritt, um einen polarisierten Diskurs zu entgiften.
Für Freunde des juristischen Gutachtenstils hingegen dürfte das Lesevergnügen größer sein. Teilweise sind allerdings die Fußnoten ziemlich kreativ; etwa wenn Rostalski einen Essay, den das Londoner Tony Blair Institute for Global Change veröffentlicht hat, für folgende Aussage anführt: "Wer kritisch hinterfragt, ob die eine oder andere Maßnahme zur Reduktion des nationalen Treibhausgasausstoßes tatsächlich sinnvoll ist, droht schnell als Klimaleugner abgetan zu werden." Wie gesagt, dem mag man zustimmen, aber ob dazu eine ungefähre Aussage von Tony Blair ausreicht, dass das so sei?
Dennoch kann man von Rostalski einiges lernen. Sie kommt zum Schluss, dass die Annahme, "jeden einzelnen Bürger treffe die Pflicht, seinen persönlichen CO2-Ausstoß zu reduzieren, zumindest in der gegenwärtigen Situation nicht zutrifft - weder aus einer ethischen noch aus einer rechtlichen Perspektive". Verantwortung habe man nur für die Tat, die auch einen "effektiven Einfluss auf das hat, was erreicht werden soll". Dieser Konsequentialismus lässt Rostalski leider überkonsequent werden.
"Zum gegenwärtigen Zeitpunkt führen uns selbst noch so ambitionierte Bemühungen zur Reduktion des nationalen Treibhausgasausstoßes in Sachen Bekämpfung des Klimawandels keinen Schritt weiter", behauptet Rostalski. Keinen Schritt? "Wenig weiter" wäre eine gewagte Wertung gewesen, "keinen Schritt weiter" ist schlicht falsch. Rostalski sollte sich einmal anschauen, wie sich die Emissionsintensität im Vergleich zum Wirtschaftsprodukt entwickelt hat - ein erheblicher Wandel, der sehr viel mit erneuerbaren Energien und höherer Effizienz und nur mäßig damit zu tun hat, dass emissionsintensive Industrien abwandern. Wer heute ein Elektroauto kauft, reduziert seine Emissionsbilanz. Es gibt anders als von Rostalski suggeriert keinen kausalen Mechanismus, dass der alternative Verbrenner dann einfach von jemand anderem gefahren würde (dann hätten es einige westliche Automobilhersteller gerade leichter).
Rostalski beruft sich oft auf Erkenntnisse "der Klimawandelwissenschaften", um dann überwiegend Minderheitenpositionen aus einzelnen Fächern zu präsentieren. Dass nach dem Beschluss des Pariser Abkommens in nur zehn Jahren der erwartete Temperaturanstieg bis zum Ende des Jahrhunderts deutlich reduziert werden konnte, übergeht sie schlicht. Auch wenn man nicht jede Emissionsreduktion dem Abkommen zuschreiben muss - Rostalskis wiederholte Behauptung, dass die Welt beim Klima nicht vorankomme, wäre weniger ärgerlich, wenn hier nicht permanent behauptet würde, auf wissenschaftlichem Stand zu argumentieren.
Besser lesbar sind die polemischen Teile, etwa wenn Rostalski "moralisches Heldentum" wittert, um dann zu wettern gegen diejenigen, die als Gesinnungschampions ihre Mitmenschen nerven. Tatsächlich krankt der Klimadiskurs an überschießendem Moralisieren bei einigen - aber wie Rostalski so zu tun, als wäre die Entscheidung für ein E-Auto klimairrelevant, führt nur vor, dass auch Bücherschreiben ein Risiko ist.
Zu Recht hingegen erinnert Rostalski daran, dass solches Heldentum klimapolitisch mitunter sogar schädlich sein kann, nämlich dann, wenn die Helden meinten, mit ihrer Hafermilch die Erderwärmung quasi persönlich gestoppt zu haben.
Was soll der Einzelne Rostalski zufolge aber nun tun? Seine Verpflichtung erstrecke sich lediglich darauf, die Errichtung einer globalen politischen Struktur zu unterstützen, die sicherstellen könnte, dass Klimaschutzbeiträge auch effektiv sind. Ein solcher Ansatz von oben herab - der wohl übrigens eine Weltklimapolizei verlangte - mag aus liberaler Perspektive fragwürdig erscheinen. Aus politischer Perspektive angesichts des Niedergangs der regelbasierten Ordnung klingt die Forderung reichlich optimistisch, oder soll man sagen gesinnungsethisch? Und so müssen alle diejenigen, die im Klimadiskurs zu Recht für internationale Kooperation statt nationale Symbolpolitik plädieren, die Argumente für ihre Position andernorts suchen. LUKAS FUHR
Frauke Rostalski: Wer soll was tun? Warum wir nicht zum Klimaschutz verpflichtet sind und worin unsere Verantwortung eigentlich besteht.
C.H. Beck Verlag, München 2025. 213 S.
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