
Narzissmus ist allgegenwärtig - als Modewort, moralischer Vorwurf, Gesellschaftsdiagnose oder klinischer Befund. Doch was verbirgt sich dahinter? Und warum sind narzisstische Menschen nicht zufriedenzustellen - unersättlich? Thomas Arnold und Thomas Fuchs entwerfen in ihrem grundlegenden Buch eine neue, phänomenologisch-existenziale Sicht des Narzissmus. Das narzisstische Selbst- und Weltverhältnis erweist sich hier als Ausdruck einer existenziellen Leere: eines leiblich gespürten Mangels an Selbstwert, der durch äußere Bestätigung, Attraktivität oder Macht nie dauerhaft gestillt werden kann.
Zugleich ist der Narzissmus ein Spiegel der spätmodernen Seele, und gerade in einer Kultur der Individualisierung - von Social Media bis Therapie, von Echo bis Instagram - gilt es zu verstehen, warum Bestätigung von außen niemals satt macht. Arnold und Fuchs führen philosophische, soziologische, psychologische und psychodynamische Erkenntnisse zusammen, um zu einem tieferen Verständnis für die Strukturen narzisstischer Subjektivität in Individuum und Gesellschaft zu gelangen. Gibt es auch gesunden Narzissmus? Wieso sind echte Begegnungen für Narzissten so schwierig? Und was haben Virtualität, Verschwörungstheorien und extreme Politik mit Narzissmus zu tun? Ein hochaktuelles Buch, das uns den Spiegel vorhält.
Besprechung vom 15.03.2026
Ausweitung der Psychozone
Trump ist ein Narzisst, und mein Partner hat mich traumatisiert: Immer häufiger beschreiben wir unsere Wirklichkeit anhand von psychologischen Begriffen. Woher kommt das? Zwei aktuelle Bücher werfen Licht auf die Pathologien der Spätmoderne.
Von Helene Röhnsch
Eine junge Frau postet eine Nachricht ihres Ex-Freundes auf Instagram und analysiert Satz für Satz, woran sich seine narzisstischen Tendenzen ablesen ließen. Viele danken ihr für die Aufklärungsarbeit und teilen ähnliche Erfahrungen, die sie in ihren als "toxisch" empfundenen Partnerschaften gemacht haben. Es ist ein Beispiel von Tausenden auf Social Media, in denen oft sehr schematisch erklärt wird, wie man sich aus Beziehungen mit Narzissten - sei es der Chef, die eigene Mutter oder der Partner - befreien, wie man "überleben" und anschließend heilen kann. Andere geben Tipps: "Fünf Sätze, an denen du einen Narzissten sicher erkennen kannst", lautet so ein typischer Beitrag auf Instagram. "Sieben Gründe, warum du Narzissten magisch anziehst", erklärt eine Influencerin auf Tiktok.
Narzissmus scheint zum Sammelbegriff zwischenmenschlicher Frustrationen geworden zu sein. Nicht nur persönliche Beziehungen werden unter dem Label behandelt. Narzissmus dient auch immer häufiger als Instrument politischer Analysen: Man denke nur an die Flut an Medienberichten, in denen Psychiater und Therapeuten den US-Präsidenten als schillerndes Paradebeispiel eines Narzissten ausgewiesen haben, einer nach Anerkennung dürstenden Seele, ebenso empathie- wie skrupellos. In unserer spätmodernen Gesellschaft, so scheint es, wimmelt es nur so vor Narzissten - eine Epidemie, die einfach nicht mehr abebben will. Sind wir also alle von Narzissten umgeben? Oder bleibt der Narzisst als egomanes Monster die Ausnahme?
Dass es sich mit dem Narzissmus nicht so einfach verhält, wie viele Social-Media-Beiträge glauben machen, zeigt das aktuelle Buch "Das unersättliche Selbst" des Philosophen Thomas Arnold und des Psychiaters Thomas Fuchs. Trotz der Fülle an Ratgebern und Publikationen, die in den letzten Jahren dazu veröffentlicht wurden, glauben die Autoren, dass das Thema noch nicht auserzählt sei. In ihrem Buch verknüpfen sie philosophische, soziologische, psychologische und psychodynamische Ansätze, um narzisstische Strukturen im Individuum und in der spätmodernen Gesellschaft zu erklären. Ihr Zugang ist dabei ein phänomenologischer; von klassischen psychoanalytischen oder populären Ansätzen grenzen sie sich damit ab: Weder wollen sie wie Freud den Narzissmus als Übermaß an Ich-Libido durch den Rückzug von Objekten verstanden wissen, noch gehen sie davon aus, dass es einen "gesunden" Narzissmus gebe, den Menschen brauchten, um sich in ihrem Leben zu verwirklichen.
Stattdessen, so die These der Autoren, zeichne sich Narzissmus durch einen fundamentalen Mangel an Selbstwert aus: eine leiblich spürbare Leere, die sich durch äußere Bestätigung nie füllen lasse - weder durch Likes auf Social Media noch durch Macht, Ruhm oder Schönheit. Was also tut dieses geschundene, innerlich ausgehöhlte Subjekt? Es geht auf die Suche. Angetrieben von einem ständigen Hunger, unersättlich trotz externer Surrogate, erlebt der Narzisst eine tiefe existenzielle Verzweiflung. Denn auf der fieberhaften Jagd nach immer neuen Quellen der Anerkennung findet er nicht das, was er sucht: ein warmes, gütiges, gesundes Verhältnis zu sich und der Welt. Schlimmer noch: Er weiß nicht einmal, was ihm fehlt, sondern hetzt verzweifelt von einem Thrill zum nächsten.
In dieser misslichen Lage sei das narzisstische Subjekt laut Autorenpaar sogar einer doppelten Leere ausgesetzt: "der inneren Leere des Selbst und der äußeren Leere der Spiegel, die es sucht". Die berühmte Spiegelmetapher aus Ovids "Metamorphosen" - der Ursprungsmythos des Narzissmus - dient Arnold und Fuchs dabei als zentrale Achse ihrer Argumentation. Die Metapher interpretieren sie neu: Narziss erlebe keine autoerotische Selbstfaszination, als er sein schönes Gesicht im Teichwasser erblickt - er verliebe sich nicht in sich selbst, sondern in ein schales Abbild. Der Spiegel reflektiere nichts anderes als die leiblich gespürte Abwesenheit von innerem Selbstwert. Der schöne Schein, das Idealbild, kann die existenzielle Leere nicht ausgleichen, er bietet weder Erfüllung noch Heilung.
"Die Tragik des Narzissmus", so erläutern es Arnold und Fuchs, "liegt darin, dass selbst die (unmögliche) vollständige Erfüllung des Ideals den Selbstwert nicht realisieren würde, weil Selbstwert ein reales Selbst- und Weltverhältnis ist, das in der Leiblichkeit gründet und somit von Perfektion und Idealität gar nicht genährt werden kann." Die Gründe dafür sehen die Autoren natürlich auch in der Kindheit - doch nicht, indem sie davon ausgehen, dass es dem Kind an der Spiegelung der Mutter mangelte. Vielmehr ist auch hier der fehlende Selbstwert des Narzissten leiblich zu verstehen. Dem Kind fehlte es an "Erfahrungen der Wärme, der Berührung, des Gehalten- und Getragenwerdens".
Man kann sich also vorstellen, wie sich die narzisstische Dynamik auf Paarbeziehungen auswirkt. Der Narzisst bleibt sich nicht nur selbst, sondern auch anderen fremd. Echte, intime Begegnungen einzugehen, ist ihm unmöglich. Die anderen seien, so schreiben die Autoren, immer nur Zuschauer, Bewunderer, Claqueure. Somit bleibt die Liebe schon allein deshalb für den Narzissten unerfüllt, weil er überhaupt nie bei einem Du ankommen könnte: "Ähnlich wie Tantalus im Hades seinen Durst nicht löschen kann, weil das Wasser bei jedem Herunterbeugen zurückweicht, löst sich auch Narziss' Liebesobjekt auf, sobald er danach greift", schreiben Arnold und Fuchs. Wer schon im Leben nie bei sich selbst ankommen kann und trotzdem nicht aufhört, in Idealbildern danach zu suchen, der erlebt auch den Tod als ständige Bedrohung. Nicht selten seien deshalb, wie die Autoren überzeugend darlegen, Narzissten zugleich ausgeprägte Hypochonder. Auch Adolf Hitler habe vor der Machtergreifung seinem Gauleiter von einer sich anbahnenden Krebserkrankung berichtet, verbunden mit der panischen Angst, nicht genügend Zeit für die Umsetzung seiner grandiosen Pläne zu haben. So soll Hitler geschrien haben: "Ich muss in Kürze an die Macht kommen, um die gigantischen Aufgaben in der mir verbleibenden Zeit lösen zu können. Ich muss! Ich muss!"
Doch nicht nur Diktatoren und einzelne Bösewichte seien Narzissten, vielmehr begreifen die Autoren das Phänomen universeller: als ein Spektrum, auf dem sich alle Menschen mehr oder minder bewegen. Schließlich verfüge niemand sein ganzes Leben hinweg über einen stabilen Selbstwert. Hin und wieder müsse man eben doch im Außen nach Bestätigung gieren, um Gefühle der inneren Leere auszubalancieren. Gesund sei das jedoch noch lange nicht. Unser hoch funktionales kapitalistisches System nähre zudem jenes unersättliche Streben nach Idealbildern, das so charakteristisch für das narzisstische Subjekt ist. So baue der Kapitalismus selbst auf der Idee des Unersättlichen auf. Er entwerte alles Erreichte "zugunsten des Möglichen und noch Größeren".
In ihrer brillanten, hochaktuellen Analyse verweben Arnold und Fuchs etwa Husserls Leibphänomenologie mit soziologischen Ansätzen (Rosa, Reckwitz, Illouz) und Konzepten aus der Psychoanalyse (Kohut, Kernberg), um Narzissmus als Spiegel der individualisierten Spätmoderne zu zeichnen. Plattformen wie Instagram oder Tiktok fördern eine Kultur der inneren Leere, in der Likes und Follower als Ersatz für echte Beziehungen herangezogen werden - mit der Gefahr, das Selbst immer weiter auszuhöhlen. Wenn auf Social Media so häufig von Narzissmus die Rede ist, dann vielleicht, weil Social Media die Menschen tatsächlich narzisstischer macht? Zugleich zeugt die Dauerdiagnose "Narzissmus" zweifellos von einer Ausbreitung des therapeutischen Denkens. Schließlich ist dies nicht der einzige psychologische oder medizinische Begriff, der sich in Debatten und im Netz tummelt: Auch von "Sucht", "Depression", "Mobbing" oder "Trauma" ist in den vergangenen Jahrzehnten immer häufiger die Rede.
In ihrem neuen Buch "Opfer" wirft die Philosophin Maria-Sibylla Lotter nun einen kritischen Blick auf diesen Diskurs. Demnach habe das öffentliche Sprechen über psychische Erkrankungen zwar zu einem breiteren Verständnis für menschliches Leid geführt und zu seiner Entstigmatisierung beigetragen. Allerdings zu einem Preis: Nicht nur verändere sich dadurch die Wahrnehmung unserer Lebenswelt, die zunehmend bedrohlicher erscheine. Es drohe auch der Verlust von Autonomie und Handlungsfähigkeit. Denn mit der Ausweitung psychologischer Begriffe, so Lotter, habe sich eine neue Opferkultur entwickelt, die zunehmend persönliche Betroffenheit statt Selbstwirksamkeit zum moralischen Maßstab erkläre.
Als ein anschauliches Beispiel dient ihr der Skandal um Gil Ofarim. Im Jahr 2021 beschuldigte der Musiker einen Mitarbeiter eines Leipziger Hotels öffentlich, ihn aus antisemitischen Gründen abgewiesen zu haben. Auf Instagram teilte er daraufhin ein Video, in dem er unter Tränen erklärte, der Hotelmanager habe ihn aufgefordert, seinen Davidstern einzupacken. Der Fall ging viral, eine riesige Empörungswelle in der Presse und in den sozialen Medien folgte - Ofarim wurde überhäuft mit Empathie und Solidaritätsbekundungen. Für den Hotelmanager hatte der Skandal weitreichende Folgen. Er wurde beurlaubt, erhielt Morddrohungen. Erst später stellte sich heraus: Ofarim hatte gelogen.
Der Fall veranlasst Lotter zu einer tiefen Analyse einer Empörungslogik, die insbesondere in den sozialen Netzwerken auf nährbaren Boden treffe. Denn nach den Gesetzen von Social Media gälten gerade jene als besonders moralisch wachsam, die sich am schnellsten empörten. "Das Internet eröffnet der Opferrolle in einer zunehmend digitalisierten und vernetzten Gesellschaft neue Möglichkeiten, Macht gegenüber Menschen auszuüben, mit denen man in Konflikt steht", schreibt Lotter. Die Philosophin beobachtet einen epochalen Wandel. Waren es in der Neuzeit noch die Begriffe Vernunft und Freiheit, die soziale Utopien und politische Verantwortung vorangetrieben hätten, habe sich schon mit dem Postmodernismus die Perspektive verschoben. Spätestens mit der Verbreitung des therapeutischen Denkens "begann in den westlichen Gesellschaften ein Zeitalter, in dem Verwundbarkeit das Menschenbild bestimmt".
Eine Ursache sieht Lotter in der Dehnung psychologischer Begriffe, insbesondere solcher, die sich auf negative Erfahrungen im menschlichen Leben beziehen. Eine Entwicklung, die der australische Psychologe Nick Haslam bereits 2016 mit dem Begriff "Concept Creep" beschrieb. Haslem meint damit die schleichende Ausweitung negativer Phänomene wie "Trauma" oder "Mobbing", die aus der Psychologie allmählich in den allgemeinen Sprachgebrauch abwandern, was zu einer verstärkten gesellschaftlichen Sensibilisierung, aber auch zu einer möglichen Pathologisierung normaler Erfahrungen führen kann. Schlimmstenfalls geht das so weit, dass Begriffe ihre ursprüngliche Bedeutung verlieren und zu bloßen Worthülsen werden. Die gemeinsame Sprache gerate ins Stocken, weil die Begriffe zu unterschiedlich verwendet würden.
Verstand man bis Mitte des 20. Jahrhunderts unter "Trauma" noch ein organisches Leiden, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Begriff nunmehr verwendet, um psychische Störungen zu beschreiben - etwa durch Erfahrungen im Krieg oder nach schweren Unfällen. "Heute gelten nahezu alle psychologischen Belastungen des Lebens als traumatisch, auch das, was Freud das 'gewöhnliche Elend' nannte wie Ehekrisen, Jobverluste, verpatzte Prüfungen etc.", schreibt Lotter. So habe die Aufblähung des Traumabegriffs dazu geführt, dass sich Menschen inzwischen über ihre "traumatischen" Besuche beim Bäcker austauschten, etwa wenn sie einen "Kraftprotz", "Sachsenrammler" oder "Liebesknochen" bestellen müssten.
Mit der semantischen Verschiebung sei die moralische Dimension des Traumabegriffs in den Vordergrund gerückt. Lotter bezieht sich dabei auf die Rechtswissenschaftlerin Saira Mohamed, die den Grund für den Kategorienwechsel in der Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern sieht. Wer traumatisiert sei oder sich so fühle, dem werde gesellschaftliche Anerkennung und Zuwendung zuteil - und der befinde sich schnell in der Opferrolle. Zeitgleich gingen auch die Einschätzungen darüber auseinander, was überhaupt als Verletzung gilt und was nicht. Denn nicht jeder könne die begrifflichen Dehnungen nachvollziehen. "Damit gerät die gemeinsame moralische Grundlage ins Wanken, die notwendig ist, um Verletzungen und Konflikte zu beurteilen", schreibt Lotter. Die Philosophin plädiert für einen kritischen Umgang mit der Ausdehnung von Begriffen. Es ginge darum, "sie zu hinterfragen, zu historisieren und ihre Ambivalenzen offenzulegen".
Hinter diesem Ambiguitätsanspruch fällt Lotter an einigen Stellen in ihrer sonst so differenzierten Analyse jedoch selbst zurück, etwa dann, wenn sie traditionelle Idealbilder von Stärke und Heldentum mit der heutigen Bewertung von Verwundbarkeit kontrastiert. "Wo einst Stolz auf die Werte der Aufklärung und politische Utopien Orientierung boten, sehen wir heute immer mehr Gefahren, Zumutungen, Überforderungen und Abhängigkeiten", schreibt die Philosophin. Ein Satz, der durchaus streitbar ist. So könnte man auch umgekehrt sagen, dass gerade im Aussprechen von Verletzlichkeiten Abhängigkeiten und Zumutungen sichtbar werden - eine Grundlage, um mit ihnen umzugehen.
Thomas Arnold/Thomas Fuchs, "Das unersättliche Selbst". Suhrkamp Verlag, 200 Seiten, 28 Euro
Maria-Sibylla Lotter, "Opfer". Hanser Verlag, 288 Seiten
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