
In einem letzten Versuch, ihre erkaltende Liebe zu retten, fliegt ein Paar nach Kreta. Als sie anderntags in der Morgensonne erwacht, ist er bereits schwimmen gegangen. Als sie ihn gegen Mittag anruft, klingelt sein Handy in der Ferienunterkunft. Und als sie am Strand steht, weiß sie sofort: Hier ist er nicht. Aus Stunden des Suchens werden Tage, Wochen, Monate - nichts in diesen Geschichten ist, was es ist. Ob etwa die todkranke Frau, der im Wald immer wieder zwei geisterhafte Kinder begegnen, noch in der Realität oder schon in einer Zwischenwelt lebt, bleibt in der Schwebe. Und das seit Jahrzehnten leerstehende Hotel Sudeten, in dem eine seltsame Gesellschaft haust - ist es ein Nachtasyl oder vielleicht doch eine psychiatrische Klinik?
Alles, was Joanna Bator in klarem, hartem Duktus erzählt, ist in ein Zwielicht getaucht. Sechzehn romanhaft verschränkte unheimliche Erzählungen, die uns dieselben Protagonisten in ständig neuer Perspektive zeigen. Während wir sie lesend immer besser kennenlernen, verirren wir uns immer tiefer in einem Spiegellabyrinth.
Besprechung vom 02.05.2026
Vom Segen der Trauer
Joanna Bators faszinierendes Prosa-Labyrinth "Die Flucht der Bärin"
Marianna Polna ist Schriftstellerin und lebt in demselben noblen Warschauer Vorort voller Vorkriegsvillen und üppiger Gärten, in dem auch die Autorin Joanna Bator zu Hause ist. Ihr Alter Ego also? Wohl kaum. Bator strotzt seit Jahren vor Erfolg, Energie und Lebensfreude, während ihre Protagonistin sich gerade an einem Punkt befindet, an dem sie im Selbstmord den einzig richtigen nächsten Schritt sieht. Von Gedächtnisschwund und berechtigten Ängsten geplagt - ihr Vater ist an Alzheimer gestorben -, fährt sie nach Bern, um ihrem Dasein ein Ende zu setzen. Sie will es auf der Brücke tun, auf der sie ihren Geliebten verlassen und damit den schlimmsten Fehler ihres Lebens begangen hat. Dass sie an dem geplanten Sprung in die Aare gehindert werden könnte, ist eher unwahrscheinlich, denn die Stadtbewohner sind von der Nachricht elektrisiert, dass aus dem lokalen Tiergarten eine Bärin geflohen ist, und beachten ihre Mitmenschen noch weniger als sonst. Es ist also offensichtlich, was gleich passieren wird.
Doch am Ufer kommt die Handlung plötzlich zum Stillstand. Kaum hat Marianna sich hingesetzt, entdeckt sie die entflohene Bärin: "Sie saß auf den Ufersteinen, so wie ich, und schaute der Aare beim Fließen zu. Ich roch den Geruch ihres Fells. Es roch nach Freiheit." Mehr geschieht in dieser Geschichte nicht. Ob die Frau den Sprung doch noch wagen wird, erfahren wir nicht.
So ist es in den meisten dieser Geschichten: Ein Ende bleibt offen, ein Geheimnis wird nicht gelöst, etwas ist ganz anders, als es anfangs schien. Wie bei der Protagonistin der nächsten Geschichte: Sie ist erfolgreich und wohlhabend und ihre Woche streng getaktet, weshalb sie nur mittwochs dreieinhalb Stunden hat, um nach dem perfekten Haus für sich und ihre Familie zu suchen. Gerade will sie zu einer weiteren Besichtigung aufbrechen, um ihr Kind wird sich in dieser Zeit eine Betreuerin kümmern. Alles Selbstbetrug, gewachsen auf tiefer Einsamkeit und Verzweiflung. In Wirklichkeit hat die Frau weder Geld noch einen Mann, und mit dem "Kind" ist ihr fast erwachsener, gelähmter und geistig behinderter Sohn gemeint.
Auch viele andere Figuren in diesem Buch wissen, wie es ist, mit einer Illusion zu leben. Etwa Sylwia, die besagte Betreuerin, der die dritte Geschichte, "Tatus" (Vati), gewidmet ist. Der Mann ging an einem Weihnachtstag aus dem Haus, um einen Karpfen zu besorgen, und blieb die nächsten zehn Jahre weg, mit seinem Verschwinden der Tochter den Traum von einer intakten, sich liebenden Familie raubend.
Spätestens nach dieser dritten der insgesamt sechzehn Geschichten versteht man, warum das Buch keine Gattungsbezeichnung trägt: Der Leser soll selbst entscheiden, ob er sie als autonome Erzählungen oder als Kapitel eines Romans verstehen will, denn sie funktionieren in beiden Formen, sind aber auf eine dezente Weise miteinander verbunden. Manchmal ist es sogar den Figuren nicht bewusst, wie stark ihre Geschichten ineinandergreifen, zumal sie ständig unterwegs sind, in Polen, in der Schweiz, in Japan oder in Griechenland. Auf den griechischen Inseln treffen einige von ihnen die wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens. Über einen Neuanfang etwa oder eine Trennung - wie das Paar in "Die alten Schuhe", das auf Vrachos Urlaub macht, um seine gescheiterte Ehe zu retten. Als sie am nächsten Morgen erwacht, ist er verschwunden. Aus stundenlangem Warten werden Monate, schließlich Jahre. Als sie ihn schließlich findet, zeigt sich, dass auch er die Insel nicht verlassen hat. Sie können zwar nicht mehr zusammenleben, einander ganz aufgeben aber auch nicht.
Joanna Bator wäre aber nicht sie selbst, wenn sie nicht zu einem der Schauplätze dieser Prosa das niederschlesische Walbrzych machen würde. Hier spielen zum großen Teil ihre früheren Romane, und auch diesmal taucht die Stadt in mehreren Texten auf. Vor allem steht hier das "Hotel Sudety", früher das größte in der Region, heute verlassen und heruntergekommen. Der neue Besitzer hat für den Koloss ehrgeizige Umbaupläne, nur für den siebten Stock gelten sie nicht, denn dieser ist ein Zufluchtsort für Menschen, die mit dem normalen Leben nicht zurechtkommen. Solche wie Piotr Kawka alias Kafka am Strand, wie er in Anspielung auf Haruki Murakami genannt wird, und sieben oder acht weitere Figuren, deren Wege sich hier kreuzen. Sie haben hierhergefunden, weil sie in ihrer Einsamkeit, Unsicherheit oder Verzweiflung einen "Zwischenraum", eine Art Fegefeuer brauchen, um über das Erlebte nachzudenken und sich danach der Welt wieder, nur möglichst auf eine andere Weise zuzuwenden.
Dem Hotel selbst haftet auch etwas Kafkaeskes an, doch das ist noch nichts im Vergleich zu manchem Ort oder Vorkommnis, mit dem Bator in anderen Geschichten aufwartet. Die Figuren geraten immer wieder in unbekannte Welten, verlassene Häuser, dunkle Räume, nicht selten um festzustellen, dass sie dort durchaus länger bleiben könnten. Oder sie fliehen selbst ins Irreale, indem sie sich auf einmal in eine Fledermaus verwandeln, von einem riesigen Wels verschlungen werden, im Jenseits spielende Kinder beobachten oder - in der amüsantesten Geschichte - sich mit einer fließend Englisch sprechenden Schildkröte unterhalten, deren besondere Begabung darin liegt, Trauer zu absorbieren, was eigentlich gar nicht nötig ist, denn, wie sie versichert: "Sadness is a blessing, sadness is a pearl." All das passiert auf eine völlig natürliche Weise und sollte vom Leser genauso wenig hinterfragt werden wie die Logik eines Traums.
Das Ineinandergreifen der Geschichten und die Vermischung des Realen mit Magisch-Märchenhaft-Horrorartigem ermöglichen es Joanna Bator, auf eine originelle Weise unsere alltäglichen Sorgen, Phobien und Ängste zu beschreiben, aber auch wichtige gesellschaftliche Themen anzuschneiden: die Realität von Müttern behinderter Kinder, von Flüchtlingen oder - wie im Falle von Gienio aus "Dich sehe ich", der dank einer Frau, die sich nicht um Konventionen schert, für einen Moment er selbst sein darf - von intersexuellen Menschen. Dabei plädiert sie, etwa in der Geschichte "Tikkun Olam" (was auf Hebräisch "Heilung der Welt" bedeutet), deren Protagonistin im Freien den japanischen Tanz Butoh vorführt, für eine Einheit des Menschen mit der Natur, für die ständige Sorge um alles, was uns umgibt.
Und während man diese Texte liest, staunt man erneut über ihr literarisches Können. Darüber, wie viele Details sie zusammenzutragen und wie stilsicher sie mit ihnen zu jonglieren weiß. Über ihre sprachliche Meisterschaft, die in der Übersetzung von Lisa Palmes auch auf Deutsch voll zur Geltung kommt. Über ihre Phantasie und ihre raffinierte Erzählperspektive, in der sich Beobachtungsgabe mit Distanz, Empathie mit Ironie, Melancholie mit Humor vermischen. Und nicht zuletzt über ihre Fähigkeit, die eigenen Erfahrungen in ein Stück erstklassiger Literatur zu verwandeln. MARTA KIJOWSKA
Joanna Bator: "Die Flucht der Bärin".
Aus dem Polnischen von Lisa Palmes. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 317 S., geb.
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