Schöner coming-of-Age-Roman, der den
queeren Aspekt behutsam und glaubwürdig nahebringt.
Dieses Debüt spielt Anfang der 2000er in einer Kleinstadt auf der niedersächsischen Seite der ehemaligen innerdeutsche Grenze - also im Nirgendwo. Es atmet die Hitze der Sommerferien und die Enge der ländlichen Einöde - aber auch die Musik und Popkultur der Jahrtausendwende. Um es vorweg zu nehmen: Das ist ein wirklich schöner Coming of Age Roman, der die vielleicht fremde Erfahrung der queeren Liebe durch die geteilten Erinnerungen und popkulturellen Referenzen nahbar und erlebbar macht.Von der Ausgangslage erinnerte das Buch mich an "Offene See" von Benjamin Myers: 16-Jähriger ist "verdammt", den Job des Vaters zu übernehmen - hier Bestatter, dort Grubenkumpel - und hat keine Lust auf den Automatismus. Ein Sommer bringt ihn zu sich selbst - hier durch eine unerwartete Liebe, dort eine unverhoffte Freundschaft. Aber anders als bei Benjamin Myers erzählt Kea von Garnier konsequent aus der Perspektive und in der Bild- und Sprachwelt des Teenagers. Für mich so viel eingängiger und ehrlicher, echter und näher!Hauptheld Dominik hilft schon lange seinem (inzwischen alleinerziehenden und an der Trennung von der Mutter laborierenden) Vater bei der (gut recherchierten und teils recht krass-konkret-bildlich beschriebenen) Arbeit - und soll besser früher als später das Familienunternehmen übernehmen. Er hadert damit, teilt dies aber nicht mit seinen zwei besten, langjährigen Schulfreunden - so auch nicht seine aufkeimende Freundschaft zum Neuling Benjamin ("Biff", ausgerechnet!), die sich zart und zauberhaft in etwas grundsätzlich anderes verwandelt.So erblüht er, erkennt sich nicht nur sexuell-emotional, sondern auch persönlich selbst, was sich auch im Namen widerspiegelt (anfangs Papas Domi, später cooler Nick).Der aus Domis Sehnsuchtsort Berlin zugezogene Neue schleppt auch an einem eigenen Rucksack, und der Plot nimmt etwas Fahrt auf (auch wenn mir die Liebesgeschichte und Dominiks Entwicklungsroman mehr gab als die eskalierende Biff-Storyline, die vielleicht nicht alle Lesenden überzeugen wird). Insgesamt trotz seiner Länge ein gut lesbarer, gut geschriebener, klug beobachtender (vielleicht einen kleinen Tick zu glatt konstruierter) Roman, der mich mehr überzeugte als das höher gelobte "Offene See" (genauso durchkomponiert, aber elaboriert-manierierter im Stil und den historischen Anspielungen).Absolute Empfehlung für diesen Restsommer - oder den nächsten!