Oh mein Gott: So schön, so intensiv. Ich hab es zweimal gelesen und weitere Male werden definitiv folgen!
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mache Bücher versteh ich erst, wenn ich das letzte Kapitel gelesen habe. Und im besten Fall will ich dann wieder von vorn beginnen! "Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen" ist genau so eines!Was Christien Brinkgreve hier unternimmt, klingt zunächst nach einem Trauertagebuch: Eine Frau räumt nach dem Tod ihres Mannes das gemeinsame Haus aus. Aber was dabei herauskommt, ist kein Abschiedstext, sondern eine schonungslos, präzise, und in ihrer Ehrlichkeit beinahe erschütternde Bilanz. Ich hab auf dem Leseweg hier wirklich alle Emotionen einmal durchgelebt und kann nur sagen: Das Buch fasst einen an. Aber auf eine ganz wundersam schöne und intensive Weise!Brinkgreve, 1949 in den Niederlanden geboren, ist emeritierte Professorin für Soziologie, hat jahrzehntelang über Beziehungen zwischen Männern und Frauen, über Eltern-Kind-Dynamiken und den gesellschaftlichen Umgang mit Emotionen geforscht und publiziert. Und dann schreibt sie dieses Buch über ihre eigene Ehe. Über fast vierzig Jahre mit dem Mann, den sie nur als A. bezeichnet, dem Starjournalisten Arend Jan Heerma van Voss. Die Anonymisierung ist meines Erachtens ein Ausdruck des Respekts, der im Übrigen dieses ganze Buch durchzieht. Es ist eine ganz intensiv emotionale Spurensuche. Der Ausgangspunkt ist das Ausräumen. Das gemeinsame Haus ist vollgestellt mit Büchern, Dokumenten, Briefen aus den vergangenen gemeinsamen Jahrzehnten. Während Brinkgreve Kiste um Kiste öffnet, öffnet sich auch die innere Kiste mit den Erinnerungen: Wie war es am Anfang, als A. sich mit der klugen neuen Frau schmückte und sie voller Neugier aufeinander waren? Und wann, an welchem stillen Wendepunkt, hat es begonnen, dass sie sich im Privaten kleiner machte. Die Frau, die außen als erfolgreiche Soziologin mit Spezialisierung auf Feminismus und Geschlechterrollen auftrat, zog sich zu Hause in eine Rolle zurück, die sie selbst nie gewählt hätte. Kennen wir solche Muste nicht alle? Zumindest wir Frauen? Sie klagt ihren verstorbenen Mann keineswegs an, sondern hinterfragt viel ihre eigene Rolle und kommt immer wieder zum Schluss, dass es keine eindeutige Schuld gibt, wenn es zu solchen Dynamiken kommt. Dass man vielmehr hinschaut und einfach einordnen sollte. In diesen Texten werden vielmehr die kleinen und feinen und so unsichtbaren Verschiebungen im gemeinsamen Alltag sichtbar, die eine Beziehung über Jahrzehnte vornimmt: die kleinen Selbstaufgaben, die man aus Liebe hinnimmt, bis man irgendwann nicht mehr weiß, ob man sich entschieden hat oder ob es einfach so geworden ist. Ich glaube (zumindest war es bei mir so), dass das Buch wahnsinnig viele Denkprozesse anstoßen kann und auch unweigerlich anstoßen wird. Und wenn man das Buch dann nochmal liest (was ich getan hab), sieht man noch viel klarer! Was ich auch besonders gut finde ist, dass das Buch ist kurz und komprimiert ist. Keine unendlich langen Ausführungen. Ich schätze das sehr. Das lässt auch deutlich mehr Raum für die eigenen Erkenntnisse und Gedankengänge. Empfehlen würde ich daher dieses Buch allen Frauen, die in einer langen Partnerschaft leben oder gelebt haben und das stille Unbehagen kennen, das entsteht, wenn die Außen- und die Innenwelt nicht mehr zusammenpassen. Es ist auch ein Buch für Menschen, die Trauer nicht als sentimentales, sondern als analytisches Projekt begreifen, also als Möglichkeit, zu verstehen, was im Miteinander passiert ist und man vielleicht nie angesprochen hat. Ach, es ist einfach ein ganz schönes Buch, wenn man eine Bilanz ziehen möchte oder dabei sein will, wenn jemand das macht. Sehr einfühlsam und schön, aber dennoch auf den Punkt geschrieben. Große Leseempfehlung!