Historisches Wissen wird hier gekonnt vermittelt. Dabei wirkt der Text nicht trocken, sondern fast romanähnlich.
Die Buchhandlungen von Adrienne Monnier und Sylvia Beach in der Rue de l'Odéon waren über Jahre ein Treffpunkt für Schriftsteller, Künstler und Menschen im Exil, die in Paris Schutz, Austausch und manchmal schlicht Hoffnung suchten. Uwe Neumahr erzählt diese Geschichte nicht nüchtern chronologisch, eher wie ein Geflecht aus Begegnungen, Freundschaften, Abhängigkeiten und politischen Umbrüchen. Obwohl es ein Sachbuch ist, liest es sich stellenweise fast wie ein historischer Roman. Die Figuren wirken greifbar, die Atmosphäre des damaligen Paris entsteht sehr lebendig und viele Szenen haben etwas so Erzählerisches, dass ich schlichtweg bewundert habe, wie diese umfangreichen Recherchen charmant vermittelt werden. Allerdings musste ich gestehen, dass ich anfangs mit gemischten Erwartung an das Buch heranging. Titel und Cover hatten bei mir zunächst den Eindruck eines klassischen Romans erweckt. Ich habe dann letztendlich Literaturgeschichte, Biografie und Zeitgeschichte zugleich in einer höchst zugänglichen Form gefunden, was ich wirklich super fand, denn ich muss gestehen, dass Sachbücher nicht zu meinen Favoriten zähle. In dieser Form macht die Fülle der neuen Informationen aber richtig Freude.Neumahr richtet den Blick nicht nur auf berühmte Namen wie James Joyce, Ernest Hemingway oder Walter Benjamin. Im Mittelpunkt stehen vielmehr zwei Frauen, die oft eher am Rand literarischer Geschichtsschreibung auftauchen, obwohl ohne sie vieles vermutlich nie möglich gewesen wäre. Adrienne Monnier und Sylvia Beach unterstützten Autorinnen und Autoren, vernetzten Menschen, organisierten Hilfe und schufen Räume, in denen Literatur weiterleben konnte, während Europa zunehmend auseinanderbrach.Die Menge an Namen, Beziehungen und historischen Entwicklungen verlangt beim Lesen Konzentration. Manchmal verliert sich das Buch kurz in Details, bevor es wieder zu seinen eigentlichen Hauptfiguren zurückkehrt. Trotzdem entsteht daraus ein faszinierendes Bild einer literarischen Szene zwischen Exil, Besatzung und Widerstand.Dass Neumahr ein so lebendiges Sachbuch geschrieben hat, dass man den Mensch wahrnimmt und die Fakten trotzdem aufsaugt, ist höchst beeindruckend.