Anfangs erinnert The Shadow of What Was Lost noch an klassische epische Fantasy. Doch je weiter die Geschichte voranschreitet, entwickelt die Geschichte eine ganz eigene Dynamik und zieht einen immer tiefer in ein Netz aus Geheimnissen, alten Konflikten und Figuren, denen man nie vollständig trauen kann und dass unter der Oberfläche dieser Welt etwas Altes, Gefährliches und lange Verborgenes lauert.
Besonders gefallen hat mir, wie mühelos James Islington große klassische Fantasy mit modernerem Tempo verbindet. Die Welt wirkt umfangreich und geschichtsträchtig, ohne den Lesenden mit endlosen Erklärungen zu erschlagen. Stück für Stück entfalten sich die Vergangenheit dieses Reiches, die Machtstrukturen und die unterschiedlichen Formen der Magie. Vieles fühlt sich an, als läge unter der Oberfläche noch etwas Größeres verborgen und genau dieses Gefühl hat mich dauerhaft weiterlesen lassen.
Davian, Asha, Werr und vor allem Caeden haben für mich hervorragend funktioniert. Ihre Wege entwickeln sich schnell in völlig unterschiedliche Richtungen und jede Perspektive bringt neue Fragen mit sich. Besonders Caeden war für mich eine der spannendsten Figuren des Romans. Seine Erinnerungslosigkeit sorgt dafür, dass man ihm gleichzeitig nahe ist und ihm doch nie vollkommen vertraut.
Der Schreibstil ist zugänglich und konzentriert sich stärker auf Atmosphäre, Spannung und Handlung als auf sprachliche Verspieltheit. Für diese Art von Fantasy passt das sehr gut, weil die Geschichte dadurch trotz ihrer Komplexität nie unnötig schwer wirkt. Vor allem die zweite Hälfte entwickelt einen enormen Sog. Immer wieder tauchen Hinweise auf, die erst später ihre eigentliche Bedeutung entfalten. Dadurch entsteht dieses ständige Bedürfnis weiterzulesen.
Was mich letztlich vollkommen überzeugt hat, war die Mischung aus klassischem Abenteuergefühl, moralischen Grauzonen und dieser permanenten Unsicherheit darüber, wer hier eigentlich die Wahrheit sagt. Das Ende hat bei mir sofort den Wunsch ausgelöst, direkt mit dem nächsten Band weiterzumachen. Für Fans großer epischer Fantasyreihen ist das ein äußerst starker Auftakt.