Wer nur einen Panzer hat, dem wird die ganze Welt zum Schlachtfeld
Dieses abgewandelte und Paul Watzlawick zugeschriebene Zitat ("Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel") gilt in Teilen sicher auch für den Hochschullehrer der Universität der Bundeswehr München Prof. Dr. Carlo Masala. Dass sich diese Haltung mit derartiger Lektüre auch in den Köpfen der Leser*innen breit macht, liegt auf der Hand. Darauf weisen zumindest zahlreiche Studien aus der neueren Hirnforschung hin. Und dies geschieht nicht willentlich, sondern unbewusst und ist daher auch von gesellschaftlicher Relevanz (Zustimmung beispielsweise zu höheren Rüstungsausgaben - siehe das "Whatever it takes" von Friedrich Merz).Dass der "Experte für bewaffnete Konflikte" sich nicht damit zufriedengibt, und, neben der Leitung des Center for Intelligence and Security Studies (CISS) und Direktor des Metis Instituts für Strategie und Vorausschau, auch noch Bücher schreibt ist daher naheliegend. Nach "Weltunordnung" und "Bedingt abwehrbereit" (auch Spiegel-Titel von 1962, in dessen Folge der damaligen Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß zurücktreten musste) liegt nun pünktlich zur diesjährigen Leipziger Buchmesse, wo er dieses Buch recht eloquent vorstellte, sein aktuelles Werk "Wenn Russland gewinnt" vor.Dieses auf knapp 120 Seiten begrenzte Buch lässt sich "leicht und locker" lesen, ist kohärent in seiner Argumentation (lässt beide Seiten zu Wort kommen), ist zugleich verständlich geschrieben und hat in seinen szenischen Entwicklungen durchaus das Potential zu einem Thriller. Das ist allerdings nur die eine Seite des Buches. In die Rahmenhandlung eingebettet ist die große Frage, was passieren könnte, falls Russland (hier unter einem neuen Präsidenten, der recht umgänglich erscheint) an der Grenze von Estland zu Russland die Verteidigungsbereitschaft der NATO (Eintritt des Bündnisfalls nach Artikel 5 des Nordatlantikvertrages) einem Härtetest unterwirft und dort in die Kleinstadt Narwa einmarschiert, um die mehrheitlich (88 %) russisch sprechende Bevölkerung vor weiterer Ausgrenzung zu schützen. Gleichzeitig erlaubt die Besetzung der Estland vorgelagerten Insel Hiiumaa die Möglichkeit einer Seeblockade des Baltikums.Wie auch andere Ereignisse den Weg zu einer Ausweitung des Krieges bereiten könnten, wird hier mit Sachverstand diskutiert. Dennoch wird in einer Art Nachbetrachtung (hier als Nachwort bezeichnet) die vorher so kunstvoll in Szene gesetzte Entwicklung torpediert. Denn was hier angeboten wird, ist nichts anderes als feinste (einseitige) Kriegsrhetorik, die nahelegen soll, dass es nur einen Weg aus der jetzigen Misere geben kann: Aufrüstung um jeden Preis. Dass es auch andere Wege gibt, die gleichzeitig auch weniger Kosten und weniger Elend erzeugen (denn immerhin gibt es ja noch so etwas wie soziale Fragen und auch die Klimaentwicklung wird keine Pause einlegen), wird hier vollständig ausgeblendet. Das war im Sinne des Titels auch nichts anders zu erwarten, führt aber dazu, dass sich diese Phrasen möglicherweise verselbstständigen könnten. Und dann haben wir den Salat, dessen Folgen mit "nuklearer Winter" nur schemenhaft beschrieben sind ...