
Besprechung vom 24.04.2026
Das Ende der alten Ordnung
Die Zeitenwende hat den Buchmarkt erreicht: Ratgeber zur Außen-politik türmen sich. Was verspricht sich das Publikum davon? Und was die Autoren?
Wenn sich der Mensch aus seinen "Ketten der Angst" nur durch die Kombination von Furcht, Verlangen und Hoffnung befreien könne, wie Thomas Hobbes vor 375 Jahren im "Leviathan" mutmaßte, dann ist plausibel, warum sich auf dem Sachbuchmarkt in den vergangenen Monaten immer mehr außenpolitische Ratgeber stapeln. Die Angst vor dem hobbesschen Naturzustand im internationalen System geht um. Und so wie die "Ertüchtigung" der Bundeswehr im vollen Gange ist, hat sich auch eine Zeitenwende im Geiste etabliert. Florierten vor Jahren noch in erster Linie populärwissenschaftliche Bücher über die Digitalisierung oder den Klimawandel, landen heutzutage offenbar Außenpolitik-Experten die Publikationszuschläge der Verlage. Wer sich in diesen Bereichen gut auskennt und noch kein Buch veröffentlicht hat, sollte sich beeilen, um noch ein Stück vom Kuchen des grassierenden Geopolitik-Hungers abzukommen.
Allein in diesem noch frühen Jahr haben mit der Leiterin des European Council on Foreign Relations in Berlin, Jana Puglierin ("Wer verteidigt Europa?", Rowohlt Verlag, Hamburg 2026), dem CDU-Verteidigungspolitiker Roderich Kiesewetter ("Was können wir? Was wollen wir?", Econ Verlag, Berlin 2026) und dem "Zeit"-Redakteur Jörg Lau ("Der Westen sind jetzt wir", Droemer Verlag, München 2026) drei Stimmen Bücher vorgelegt, die sich in das eingangs formulierte Schema aus Furcht, Verlangen und Hoffnung einordnen lassen. Man könnte sie auch unter die von Lau in seinem Vorwort formulierte Leitfrage "Wie könnte eine mutigere, selbstverantwortliche Außenpolitik aussehen, mit der sich in einer Welt im Dauerkrisenmodus bestehen lässt?" subsumieren. Es geht um ein Verständnis, wie sich die "neue Bedrohungslage für Europa konkret darstellt" (Puglierin), und um die Gretchenfrage zwischen "wehrhafter freiheitlicher Demokratie" oder "Objekt imperialer Autokratien" (Kiesewetter).
Der begrifflichen Trias von Hobbes folgend, ist die Ausgangslage der Zeitenwende-Literatur zunächst stets die Furcht. In militärischer Sprache würde man den Prolog, den Puglierin ihrem Buch vorschiebt, wohl als Planspiel bezeichnen: Im Spätsommer 2029 sieht sich das Kanzleramt einer russischen Truppen-Übung an der russisch-baltischen Grenze ausgesetzt; es scheint so, als würde eine weitere Invasion drohen.
Schon Carlo Masala ("Wenn Russland gewinnt", C.H. Beck Verlag, München 2025) und Florence Gaub ("Szenario", Dtv Verlag, München 2025) hatten in ihren Büchern mit jenen Szenarien gearbeitet. So naiv, wie man in Deutschland zuvor noch das größte Risiko ausblendete, so penibel werden jetzt mögliche Gefahren skizziert. Angstmache wird hier aber meist nicht betrieben - erst der Blick auf das, was genau drohen könnte, macht die Furcht rationalisier- und beherrschbar.
Aus der nüchternen Betrachtung soll anschließend ein Verlangen nach Veränderung folgen. "Was können wir?" und "was wollen wir?" sind die Leitfragen von Roderich Kiesewetter, der die Zeitenwende realpolitisch auszubuchstabieren versucht. Von Ressourcenmanagement zur Psychologie: Die "strategische Kultur", die in der Zeitenwende-Literatur regelmäßig gefordert wird, ist bei Kiesewetter ein gesamtgesellschaftliches Reformprogramm. Von einer Schocktherapie würde man in der Wirtschafts- und Sozialpolitik wohl sprechen. Dabei ist die "Zeitenwende" nicht nur rhetorisch mit der "Agenda 2010" vergleichbar: Drohnen und Panzer kosten Geld, resilientere Lieferketten, europäische Zusammenarbeit und eine neue Industriepolitik auch. Aus dem Verlangen nach neuer Sicherheit wird die Legitimation für die kostspieligen Reformen abgeleitet, die nicht nur die Söhne der Gesellschaft schultern müssen, sondern alle Steuerzahler.
Funktionieren kann dieser Richtungswechsel nur, weil auch die Hoffnung nicht zu kurz kommt. Hier ist das Interregnum, das sich zwischen der lieb gewonnenen Vergangenheit und der noch unabsehbaren Zukunft öffnet, auch die Chance auf den Neuanfang. Von einem "Nullpunkt" spricht etwa Lau und fügt an, dass der "Weg aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit" bereits eingeschlagen wurde. Wo andere die militärische Zeitenwende, die Aufrüstung, als notwendigen Schritt zelebrieren, ist es bei Lau das Ende eines anachronistischen Transatlantizismus, der - endlich - ein souveränes Europa ermöglichen könnte. Ganz ohne Hoffnung und zahlreiche Handlungsempfehlungen möchte man den Leser in die unschöne neue Welt offenbar nicht entlassen.
Zwischen akademischer Gefahrenanalyse (Puglierin), journalistischen Zeitzeugenberichten (Lau) und politischen Chroniken (Kiesewetter), bleibt der Aufbau der Zeitenwende-Literatur schematisch erstaunlich ähnlich. Gleiches gilt für die immer gleichen außenpolitischen Feindbilder, die beschworen werden. Das ist mit Blick auf die Weltlage nur verständlich, aber macht den Chor der außenpolitischen Lektüre mit jeder neuen Veröffentlichung nicht unbedingt attraktiver. Nicht weil sie inhaltlich abwegig sind: Zu groß ist die Dopplungsgefahr, zu oft verstecken sich die hochinteressanten Details in bereits bestens bekannten Gefahren und Handlungsempfehlungen. Man kann all das die "Einsicht in die Notwendigkeit" nennen, aber wer auf Erkenntnisgewinn aus ist, braucht entweder eine große Ausdauer oder sollte sich auf ausgewählte Werke der Zeitenwende-Leitlektüre beschränken.
Bei so großen Mengen von Publikationen stellt sich aber auch die Frage: Für wen sind diese Bücher eigentlich geschrieben? Die vorgebrachten Forderungen richten sich an eine, wie oft betont wird, naive oder zurückhaltende Politik. Die Autoren selbst schreiben aber für ein Publikum, das womöglich ein wenig Ahnung von Außenpolitik hat, aber keine Entscheidungen treffen muss. Möchten die Zeitenwende-Chronisten hier über die Bande der Öffentlichkeit spielen, um die von ihnen gewünschten Reformen durchzusetzen?
Allerdings: Viele der Forderungen, von europäischer Souveränität bis zu militärischer Neuausstattung, dominieren seit mehr als zehn Jahren die politische Debatte. Woran liegt es, dass sie erst jetzt und langsam umgesetzt werden? An monetären Grenzen, militärischen Abhängigkeiten oder gesellschaftlichem Widerstand gegen Aufrüstung? Obwohl die Autoren dem operativen Geschäft der Politik (als Thinktanker, Journalisten oder als Politiker) nicht fremd sind, ist die politische Durchsetzbarkeit in ihren Büchern selten ein wichtiges Kriterium.
Und so drängt sich ein Vergleich mit einer anderen erfolgreichen Sachbuch-Sparte auf: der Demokratiekrisenliteratur. Auch diese ist auf dem Buchmarkt erfolgreich, weil sie ein evidentes Problem adressiert, den Regress der liberalen Demokratie. Doch es häufen sich die Titel, die sich in Demokratie-Bekenntnissen und reiner Oberflächenbewirtschaftung verlieren. Auch hier muss man fragen: Eine Krise gibt es fraglos, aber was sind die Gründe für sie? Am Ende bleibt den Autoren oft nur noch der moralische Appell oder die Forderung einer aktiven Zivilgesellschaft. Auch in der außenpolitischen Literatur wird diese Lücke, die zwischen Theorie und Praxis des Politischen klafft, regelmäßig durch die Forderung gefüllt, wir müssten für unsere Werte einstehen. Viele Leser werden diese Meinung teilen, aber die spannendere Frage wäre doch, warum Werte allein noch keine Zeitenwende schaffen und in welchem wirklichen Zusammenhang diese mit der geforderten Aufrüstung stehen.
Vielleicht spricht der Erfolg der Zeitenwende-Literatur aber auch dafür, dass es im Publikum ein ernsthaftes Interesse gibt, sich aus den Ketten der Angst der internationalen Politik zu befreien. Der Griff zu außenpolitischen Ratgebern ist dann weniger politisch als soziologisch zu verstehen: Gesellschaften brauchen ein Bild von sich selbst, und die Erschütterungen durch die Auflösung der bisherigen Weltordnung werden durch ihre literarische Einbettung erträglicher gemacht. Sie liefern, was der von Olaf Scholz verkündeten politischen Zeitenwende am 27. Februar 2022 noch fehlte: ihre Verankerung im kollektiven Bewusstsein.
Die Dublettengefahr bei jeder neuen Veröffentlichung wäre dann als Routine zu verstehen, als Puzzlestücke einer neuen bundesrepublikanischen Identität nach den sicherheitspolitischen Umbrüchen der vergangenen Jahre. Mit jedem noch so gleichen Buch wird ein neues Selbstverständnis gefestigt, das an der neuen Welt, die im Entstehen begriffen ist, zwar wenig ändern kann, aber die Gesellschaft auf ihre Implikationen zumindest vorbereitet. Ohne Furcht, Verlangen und Hoffnung scheint man durch die angebrochene Zeit nicht manövrieren können. NIKOLAI OTT
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