Ganz eigene Sprache, die mich schnell in ihren Bann gezogen hat. Der Aufbau der Geschichte erfordert jedoch volle Aufmerksamkeit.
Ich habe "Wachs" von Christine Wunnicke in der Ausgabe der Büchergilde Gutenberg gelesen - und allein die zauberhaften Gestaltung macht dieses Buch zu etwas Besonderem. Der lila Leineneinband, die hochwertige Ausstattung und die stimmungsvollen Graphik auf dem Titel von Cosima Schneider passen hervorragend zur eigenwilligen Atmosphäre des Romans.Beworben wird "Wachs" als "historisch und voller Witz". Letzteres möchte ich persönlich etwas einschränken. Zwar blitzt gelegentlich feiner Humor auf, insgesamt habe ich die Geschichte jedoch eher als klug, ungewöhnlich und sprachlich besonders empfunden denn als witzig.Die Story spielt im Paris des 18. Jahrhunderts. Wunnike erzählt das Leben zweier bemerkenswerter Frauen. Da ist zum einen die Apothekerstochter Marie Biheron, die bereits als junges Mädchen Leichen seziert und später anatomische Wachsmodelle entwickelt. Ihr gegenüber steht die deutlich ältere Madeleine Basseporte, eine renommierte Malerin botanischer Motive. Beide Frauen haben wirklich gelebt, historisch nicht belegt ist jedoch die Liebesbeziehung, die beide im Roman eingehen.Gut gefallen hat mir die Zeichnung der beiden Figuren. Vor allem die junge Marie hatte sehr schnell meine Sympathien. Wunnicke gelingt es, beide Frauen als eigensinnige, hochbegabte Persönlichkeiten lebendig werden zu lassen. Weniger überzeugt hat mich dagegen die Ausgestaltung ihrer Liebesbeziehung. Wie die beiden so unterschiedlichen Frauen ein Paar werden konnten, was sie aneinander schätzen und wie sie ihre Beziehung im Alltag lebten, bleibt weitgehend der Fantasie der Leserinnen und Leser überlassen. Hier bleibt mir der Roman oft zu vage.Davon abgesehen ist "Wachs" ein sehr klug konstruierter und offensichtlich gut recherchierter Roman. Die Geschichte hat meine Neugier auf die historischen Vorbilder der Romanfiguren geweckt und mich dazu gebracht, mehr über ihre Lebenswege erfahren zu wollen. Auch das spricht für die Qualität des Buches.Hinzu kommt die ganz eigene Sprache Christine Wunnickes: präzise, kunstvoll und zugleich ungewöhnlich. Sie verleiht dem Roman seinen besonderen Charakter und macht Lust darauf, weitere Werke der Autorin zu entdecken."Wachs" ist kein klassischer Historienroman und keine große Liebesgeschichte im herkömmlichen Sinn. Wer jedoch literarische, originelle Stoffe mit starken Frauenfiguren und einer unverwechselbaren Sprache schätzt, dem kann ich dieses Buch empfehlen.