Große Gefühle in einem Meer von Leid
Die recht passable Erzählung ist eingebettet in eine der wohl spektakulärsten Bauten der Neuzeit. Hier, im sogenannten Culebra Cut, dem "neun Meilen langen Abschnitt des Kanals, der von den Bergen behindert wurde, durch die hindurchgegraben werden musste", kondensieren die enormen Anstrengungen, die unternommen werden mussten, um dem Bauprojekt zum Erfolg zu verhelfen mit menschlichen Schicksalen, die allerdings, trotz mannigfaltiger Willfährigkeit immer das Potential haben, sich zum Guten zu wenden, was ja auch, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, zutrifft. Insofern werden hier "schöne" Geschichten über eine viele menschliche Tragödien umfassende Realität gelegt, betrachtet man allein die mehrtausendfache durch Malaria und Gelbfieber ausgelösten Toten, mal ganz abgesehen von den vielen Toten und Schwerverletzten, die im direkten Zusammenhang mit dem Bau des Panamakanals stehen. In Anklängen werden diese Themen zwar in die Geschichte eingebunden, z.B. durch den Malariaforscher John, der hier der sogenannten "Moskito-Theorie" nachgeht. Oder aber in der Gestalt des US-amerikanischen Sergeanten Miller, der "seine Arbeitstiere" bis in den Tod schindet, obwohl allein schon die "normalen" Arbeitsbedingungen extrem sind: "Sie strömten in Arbeitszügen herbei und kletterten hinunter in den Riss, und wenn die Pfeife ertönte, arbeiteten sie. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang öffneten sie die Erde. Sie standen bis zu den Knien im Schlamm atmeten den Kohlenqualm der Lokomotiven ein, die unentwegt an ihnen vorbeizogen. Ihnen dröhnten die Ohren vom Hämmern der Felsbohrer, die an den freigelegten Hängen widerhallten. Sie bekamen Blasen an den Händen und bluteten vom stundenlangen Halten der Stiele ihrer Hacken und Schaufeln. Ihre Beine taten weh, ihre Schultern brannten, der Rücken fühlte sich an, als würde er bersten. Sie waren permanent nass. Sie konnten sich nie abtrocknen. Sie waren mit Matsch bedeckt. Sie konnten sich nie waschen. Ihre Stiefel fielen auseinander. Sie zitterten fiebrig. Sie sangen Lieder im Regen. Sie schwangen ihre Arme und schaufelten und schaufelten."Menschen nähern sich an, in oft tagelangen Versuchen, um dann doch wieder zu scheitern, sie arbeiten in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, sie unterstützen sich gegenseitig und sind doch machtlos gegenüber ihren "Herren", sie leiden, sie fiebern und geben doch nicht auf. Sie suchen einen Halt, in welcher Form auch immer. Liebe und Leid gehen hier eine oft tragische Symbiose ein, sei es die zwischen Vater und Sohn oder die zwischen dem "Malaria-Forscher" und seiner Frau oder die zarten Banden die zueinanderfinden, locker gebunden, doch dann wieder zerfallend. Ein Wechselbad der Gefühle. Risse entstehen, Risse heilen, die Welt dreht sich weiter ... Die Autorin vermag es, trotz der gemachten Einschränkungen, sich dem Lebensgefühl ihrer Protagonisten einfühlsam zu nähern, sie in ihren Lebensentwürfen und Ängsten zu begleiten und so eine Stimmung zu erzeugen, die auf jeden Fall dazu führt, dass man sich bald als stiller Beobachter in die Geschichte einbezogen fühlt. Insofern passt es dann doch wieder.(19.1.2026)