"Als ich mich umdrehe, sehe ich die Frau mit der braunen Strumpfhose nun vor dem Kartoffelpüree, und mir fällt auf, dass kaum eine der Personen, die hier Kunden heißen und, so wie ich, einen Einkaufswagen schieben, einmal aufschaut. Alle wirken sehr konzentriert und bewegen sich doch wie Schlafwandler, manchmal sieht das aus, als steckten sie selbst schon in den Kühlschränken, in die sie die Dinge, die sie kaufen, später stopfen werden."Ein Roman der Innerlichkeit, ein Monolog, der sein Thema konsequent in nachvollziehbaren Zusammenhängen umsetzt, eine Hommage an die Dinge, die einem passieren, obwohl oft so wenig passiert, zumindest weniger als erhofft, erdacht - und nicht zuletzt eine an Beobachtungs- und Sprachkunst sehr reiche Schilderung von Supermarktkultur. Das alles ist David Wagners Buch "Vier Äpfel" und natürlich wie immer noch ein bisschen mehr."und die Zukunft reicht nur bis - zum Mindesthaltbarkeitsdatum"Manche Bücher sind ein großes Lesevergnügen, manche sind echte Erlebnisse, andere sind große Geschichten. Aber es gibt auch jene Bücher, die, für sich betrachtet, zuerst einmal Phänomene sind. Sie kommen eigen daher, unwillkürlich und sind sehr redselig, sehr genau (was ihr Thema angeht; abseits davon scheinen sie kaum zu existieren). Sie fangen einen ganz bestimmten Aspekt menschlicher Wahrnehmung, Gewohnheit, Erfahrung und Gewissheit ein. Würde man all diese Bücher sammeln und verbinden, ergebe sich eine Art Bibliothek der Wesenheiten, von Perecs Ein Mann der schläft bis zu Saint-Exuperys Nachtflug. Es sind diese kleinen Bücher, die uns oft einen wesentlichen Teil unserer Lebenswelt für einige Seiten gänzlich näherzubringen verstehen, diese einzelnen Elmente, die in unserem Dasein mit vielen zusammen eine wichtige Rolle spielen."Ich vermute, die Gänge sind mit einem unmerklichen, knapp unterhalb der Wahrnehmungsgrenze liegenden Gefälle angelegt worden, das mich ganz langsam, wie ein Floß auf einem mäandernden Fluss, Richtung Kasse gleiten lässt, der Wagen schwimmt vor mir her, und ich treibe an den Spielsachen vorbei, an Bauklötzen und Stofftieren und Puppenköpfen, die sich schminken und frisieren lassen, an Barbie-Pferden, deren Ohren und Schweif bei Berührung aufleuchten, und Baggern mit aufgemalten Gesichtern."So bringt uns auch Wagners Prosa wie ein leichtes Gefälle, ein Lauschen auf den Wasserfall der Gedanken, mal laut und mal leise, hier im Vordergrund, dann wieder im Hintergrund, durch das Buch, durch den Supermarkt. Uns wird die kulinarische Vielfalt, aber vor allem das unvergleichliche, ja geradezu ideele, inspirative Ambiente dieses Ortes vor Augen geführt und Schritt für Schritt öffnet das Buch sich den Phänomenen und Bagatellen der Gänge, Produkte, Schilder und des sterilen, tiefen Glanzes der Atmosphäre. Doch dem ganzen wird noch die Komponente des Vexierbildes hinzugefügt, denn da ist L., die Frau, das Mädchen, die Liebe, die überall ihre Erinnerungsspinnenweben hinterlassen hat, in Formulierungen, in Eingebungen zu diesem und jenem - ihre Vorlieben sind die Assoziationen, ihr Fehlen ein Beweis, dass wir alle etwas brauchen und dass es Orte wie den Supermarkt gibt, wo wir es angeblich finden.Wagners Prosa ist sehr auf eine leichte Direktheit und doch auch auf eine gewisse Sorgfalt bedacht. Kindheitserinnerungen und L., die geheimnisvolle Frau, verbindet er geradezu unwiderruflich mit seinen Betrachtungen zu Obst, Waschmittel und Plüschtieren und kommt so zu philosophischen Trampelpfaden wie diesen:"Kaufen heißt also eigentlich verzichten - beispielsweise auf all die Pullover, die ich beim Kauf desjenigen, den ich heute trage, ebenfalls hätte kaufen können. Als ich ihn in dem Geschäft, in dem ich ihn mir ausgesucht hatte, bezahlte, habe ich alle anderen Möglichkeiten gegen diesen einen dunkelblauen Pullover eingetauscht, dabei hätte ich, ich erinnere mich, gern auch den dunkelbraunen genommen."All diese Philosophie ist gleichsam Sinn und doch nur Sinn auf Abruf. Es ist das, was als Wahrnehmungsfluss unser aller Dasein in puncto Supermarkt begleitet und was Wagner nur in Wörter gießt. Und L., diese Frau, die einfach immer wieder erscheint, auch wenn der Leser (und der Autor) gerade meint sie hinter sich gelassen zu haben: sie ist das Boot auf diesem Fluß, das, worum es im Leben geht und doch das, was unabhängig vom eigenen Leben einen Bestand hat - es ist nicht der Fluß, es ist nicht der Fluß, weil es, weil alles, fließt."Komme ich aus diesem Supermarkt nie wieder heraus? Muss ich hier vielleicht für immer Runden drehen? Ist das mein Schicksal? Bin ich dazu verdammt, immer wieder einzukaufen, die Einkäufe nach Hause zu tragen, in den Kühlschrank zu räumen und einen Teil dort zu vergessen, bis sie schlecht geworden sind?"Die Angst, dass in dem Viel (zu Viel) des Supermarktes auch ein "zu wenig" liegen kann, dass in der Philosophie, ja sogar in der eigenen Biographie, ein Rückstand ist, den man nicht ohne etwas Besonderes, eine Frau, Liebe, Glück, aufholen kann, gehört zu den Gefühlen, die ganz selbstverständlich zu uns gehören. Wagner hat dieser Emotion in diesem Buch eine großartige Bühne geboten. Also: Sehr empfehlenswert!"Und der Tod, so kommt's mir vor, schiebt seinen Einkaufswagen neben mir. Und legt die Leben, die er nimmt, hinein. Und an der Kasse muss er nicht bezahlen."[...]"Ich schalte Nahaufnahme hinter Nahaufnahme, um nur ja nie ein Panorama zu sehen."