Suche nach dem aufrichtigen, dem unverfälschten Leben ¿ kann das gelingen
Es gibt zig Möglichkeiten sich den Fragen des Lebens zu nähern, um so sein Weltbild und seine Stellung in der Welt nach und nach zu verfeinern, respektive zu stabilisieren. Trotz aller Bemühungen wird es immer nur ein Fragment bleiben, eine allgemeingültige Wahrheit gibt es nicht. Ich habe selten ein Buch gelesen, dass elementare Fragen des Lebens mit einer derartigen Tiefgründigkeit bei gleichzeitiger Leichtigkeit der Darstellung abbildet wie dieses. Man wird durch die vielseitige und spannend dargebotene Geschichte getragen, beim Hadern und Ringen mit den Dingen dieser Welt nicht fallengelassen, und bei all dem bleibt ein weiter Raum für Rückblicke in das eigene Leben sowie möglich Zukunftsszenarien. Die Rahmengeschichte ist so gewählt, dass die Extrempositionen (die Pole) menschlichen Denkens und Handelns deutlich werden und quasi nach einem ausgleichenden Weg rufen lassen. Man kann sich sehr leicht in die jeweiligen Positionen hineindenken, ihnen folgen, zustimmend oder ablehnend - oder eben nach den zahlreichen Graustufen Ausschau haltend, die ebenfalls möglich sind, ohne sein bisheriges (Erfahrungs-)Wissen über Bord werfen zu müssen. Man ringt mit den verschiedenen Personen um Erkenntnis und um den bestmöglichen Weg. Dabei ist die Geschichte spannend erzählt, hat einen gekonnten Handlungsbogen und versöhnt insofern, dass ... Nun ja, spätestens hier sollte man seiner eigenen Neugier folgen. Von der ursprünglichen Skepsis gegenüber dem grundlegenden Thema (religiöses Gedudel annehmend ...) ist jedenfalls nichts übriggeblieben; es gibt eben viele Wege der Erkenntnis.Die Geschichte spielt hauptsächlich in zwei Zeitabschnitten an zwei verschiedenen Orten. Von dem aktuellen in Istanbul spielenden Teil (der innerhalb eines Tages abläuft) erfolgen die Rückblicke in die Vergangenheit, die im Wesentlichen in Oxford angesiedelt ist. Beide Handlungsstränge laufen aufeinander zu und sorgen damit für eine außergewöhnliche Intensität des Geschehens. Es gibt hier nicht die einfachen, die naheliegenden Lösungen, sondern es ist dieses bereits genannte Ringen um Erkenntnis, um Aufmerksamkeit, um die Stellung in der Welt, letztlich um Liebe, die diesen Roman zu einem ganz außergewöhnlichen Werk macht.Ironie, Persiflage, Sarkasmus, auch Zynismus werden nicht ausgespart, Bandagen zwischen den handelnden Personen erscheinen oft notwendig und machen traurig, wenn die Mittel ungleich verteilt sind und das "Böse" scheinbar die Oberhand gewinnt (u.a. durch das Stilmittel der indirekten Namensgebung gefördert: der mächtige wahlweise konservative Zeitungsunternehmer bzw. Zeitungsmogul, der amerikanische Hedgefondmanager, der Schönheitschirurg, die Innenarchitektin usw.). Divergierende Lebensentwürfe, scheinbar unauflösliche Gegensätze und ein Versuch diese Gegensätze in einem "Experiment" zu überwinden usw. usw. Man kann diesem Roman mit einer Beschreibung nicht gerecht werden. Auch hier gilt: Es kann nur bei einer Auswahl (einem Fragment) der Darstellung bleiben. Natürlich ginge es auch kürzer: Drei junge Frauen suchen, zusammen mit ihrem Professor, nach dem wahren, dem aufrichtigen, dem unverfälschten Leben - kann das gelingen?(1.10.2017)