gesellschaftspolitische Fragen, juristisch und unterhaltsam beleuchtet
Elisa Hoven. Mit der Vita dieser Autorin habe ich mich erst nach der Lektüre ihres Buches Dunkle Momente beschäftigt, und das war gut so. Ansonsten hätte mich diese außergewöhnliche Leistung dieser Person stark beeinflusst. Mit neunzehn Jahren stand sie bereits dem Tagesspiegel Rede und Antwort über die zu erwartende strahlende Zukunft. Grund genug dafür war ihr Doppeleinser-Abi an einem deutschen Gymnasium mit einer französischen Doppelqualifikation, beides Mal der Traumschnitt 1,0. Der Berufswunsch Juristin war bereits da ihr persönliches Ziel, getriggert von ihrem als Rechtsanwalt praktizierenden Vater, von diesem aber nicht gutgeheißen, hätten ihr womöglich lukrativere und einfachere Werdegänge an Spitzenpositionen offen gestanden. Doch Hoven war sich ihren Stärken früh bewusst, glänzte sie doch auch als Judoka bis hin zur Deutschen Meisterschaft und als Rezensentin klassischer Literatur. Ihre steile Karriere setzte sich auch so konsequent fort. Über ausgezeichnete Staatsexamen (bester Abschluss in Berlin/Brandenburg), Dissertation und Habilitationsschrift forschte sie an renommierten Universitäten in der Welt (darunter Cambridge, Harvard), widmete sich dem Völkerstrafrecht und als Professorin der Universität Leipzig dem Medienstrafrecht. Dorthin wurde sie mit knapp 36 Jahren berufen, an den Verfassungsgerichtshof Sachsen mit nicht einmal 38 Jahren. Eine Bilderbuchkarriere. Und reichlich mehr dürfte von der heute 42jährigen zu erwarten sein. Kein Wunder also, dass Hoven ihre klugen Vorstellungen auch einem breiteren Publikum in Buchform präsentieren möchte. Gelungen ist ihr das bereits mit strafrechtlichen Abhandlungen und vor zwei Jahren mit einem Kinderbuch, einer Zusammenarbeit mit der populären und sich in die Gesellschaftsthemen einmischenden Schriftstellerin Juli Zeh, mit der sie auch gemäß der Danksagung offenbar eine Freundschaft pflegt.Nun zu ihrem Roman-Debüt. Die Protagonistin Eva Herbergen ist eine erfolgreiche Strafverteidigerin. Die Initialen und die Berufsnähe dürften kein Zufall sein, auch wenn der Roman fiktiver Natur ist. Die 9 Fälle, die sich episodenhaft in einer Rahmenhandlung aneinanderreihen, passierten im Kern tatsächlich, allerdings wurden sie für dieses Projekt verändert. Es sind scheußliche, abstruse und knifflige True-Crime-Sachverhalte, die Fragen nach Straftatbeständen bzw. Verbrechen, Schuld und Strafe hervorrufen. Und wem das bekannt vorkommt, dem kann ich versichern: ja, das Konzept folgt dem Erfolgsmodell des umjubelten Literaturstars Ferdinand von Schirach. Allerdings sind seine Geschichten stärker destilliert, knapper und vor allem weniger von der Protagonistin beeinflusst, was bei der Lektüre als unwillkommene Lenkung oder gar Bevormundung aufgefasst werden könnte. Dennoch ist der Wiedererkennungseffekt da. Am Ende resümiert Eva mit über sechzig, was die dunklen Momente in ihrer über dreißigjährige Rolle als Strafverteidigerin mit ihr gemacht haben und welches Fazit sie daraus zu ziehen hat.Ich habe Dunkle Momente sehr gern gelesen. Das Buch wirft gesellschaftspolitische Fragen auf (hier dürfte Juli Zeh eine gute Beraterin gewesen sein), rechtliche und moralische. Die Erzählungen enden durchweg mit einer Wendung, die oftmals nicht überraschend wirkt, aber häufig unvorhergesehen ist. Dabei lässt sie - sowohl Hoven als auch Herbergen - den Erzählungen freien Lauf. Im Gegensatz zu von Schirach wird beispielsweise in einem ähnlichen Fall ein anderer strafrechtlicher Schluss gezogen. Mich hat das Buch sehr gut unterhalten. Der Inhalt ist nichts für schwache Nerven, geht es doch um Kannibalismus, Vergewaltigung, Kindersoldaten, Folter, Mord und andere Grausamkeiten, doch die mitschwingende juristische und moralische Aufarbeitung ist hervorragend gelungen. Ein Buch, das sicherlich Kontroversen hervorruft. Aber wer sich für einen solchen Titel entscheidet, hat an der Ladentheke bereits seine Kuschelzone seines Wohnzimmers verlassen.Ich bin auf weitere Titel aus der Feder dieser garantiert bald prominenteren Autorin sehr gespannt.