
Besprechung vom 11.10.2025
Wenn die Identität entgleitet
Nach einem Unfall ist Hanif Kureishi gelähmt. Sein berührendes Buch darüber zeigt den Kampf eines Mannes, der das Leben liebt.
Von Melanie Mühl
Von Melanie Mühl
Nur ein Wimpernschlag, und das geliebte Leben ist unwiederbringlich verloren. Ein solcher schicksalhafter Moment trifft den britischen Schriftsteller Hanif Kureishi am 26. Dezember 2022 in Rom. Dabei beginnt der Tag heiter und mit einem Spaziergang zur Piazza del Popolo sowie durch die Gärten der Villa Borghese. Zurück in der Wohnung seiner Lebensgefährtin Isabella setzt sich Kureishi an den Tisch, trinkt ein Bier und schaut auf seinem iPad Fußball. Plötzlich befällt den Endsechzigjährigen ein heftiger Schwindel und kurz darauf liegt er in einer Blutlache auf dem Boden. Der Hals ist grotesk verrenkt. In seinem Memoire "Als meine Welt zerbrach" heißt es: "Mir wurde bewusst, dass es zwischen meinem Geist und dem, was von meinem Körper übrig war, keine Verbindung mehr gab. Ich war von mir selbst abgetrennt. Ich dachte, ich würde sterben und mir blieben nur noch ein paar Atemzüge. Es schien mir ein besonders erbärmlicher und unwürdiger Tod."
Doch Kureishi stirbt nicht, er ist vom Hals abwärts gelähmt - auch ein kleiner Tod, denn aus dem agilen Mann ist ein Pflegefall geworden. Weder kann Kureishi, der in die Gemelli-Klinik in Rom eingeliefert worden ist, alleine essen, sich kratzen, seinen Darm entleeren, telefonieren, oder einen Stift, sein Werkzeug, halten. Ein winziger Hoffnungsschimmer bleibt: Kureishi ist nicht "vollständig gelähmt". Am 6. Januar 2023 notiert seine Lebensgefährtin folgende von ihm diktierten Worte in sein Tagebuch: "Sobald es irgend möglich ist, werde ich mit Physiotherapie und der Reha beginnen."
Von diesem Moment an schöpft man auch als Leser Hoffnung, sieht Kureishi, der vielen als Drehbuchautor des oscarnominierten Films "Mein wunderbarer Waschsalon" bekannt sein dürfte, bereits wacklig aber froh im Klinikpark spazieren. Doch der Glaube, nun gehe es von Seite zu Seite aufwärts, wird enttäuscht. "Als meine Welt zerbrach" schildert nicht die Geschichte einer Genesung, sondern die körperlichen und seelischen Folgen eines Sturzes, die nicht nur Kureishi existenziell erschüttert, sondern auch Isabellas und das Leben seiner Söhne berührt. Kureishis wählt einen harten, direkten Ton, bisweilen durchzogen von düsterem Humor: "Am nächsten Tag kommt ein Arzt wegen einer anderen Sache zu mir, drückt mir auf den Bauch und steckt mir, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist, den Finger in den Hintern. Ich nenne meinen Arsch mittlerweile Route 66."
Die Klinik wird Kureishis neues Zuhause und er zum Insassen. Die Patienten sind jetzt Mitbewohner, Ärzte und Pflegepersonal ständige Begleiter. Wer keinem Entlassungsdatum entgegenfiebern kann, muss sich mit der Ungewissheit arrangieren und Verzweiflungsattacken abwehren. Kureishi ist damit vollauf beschäftigt. Was ihn fortwährend verzweifeln lässt, ist "die Vorstellung, nie wieder den Weg zu meinem Haus gehen, die Tür aufschließen und in mein altes Leben zurückkehren zu können - mich mit einem Glas Wein aufs Sofa legen zu können, während im Fernsehen Premier League läuft. Dass ich mich nie wieder an etwas so Einfachem erfreuen kann, empfinde ich als unglaublich grausam."
In Ausnahmesituationen trennt sich die Spreu vom Weizen. Beziehungen werden neu verhandelt, Menschen rücken näher, während andere sich zurückziehen. Kureishis großes Glück ist seine Familie, Isabella sowie die drei Söhne, die sich aufopferungsvoll um ihn kümmern. Ihre täglichen Liebesbeweise zeigen, wozu eine Familie imstande sein kann. Ohne Reibungen geht dieser Aushandlungsprozess selbstredend nicht vonstatten. Als treue Gefährten erweisen sich auch Kureishis Freunde, besonders die Frauen, die weit fürsorglicher, körperlicher, zupackender und liebevoller als die Männer seien: "Sie haben weniger Angst vor Krankheit und Krankenhäusern." Trotz aller Fürsorge stürzt Kureishi, Sohn eines pakistanischen Vaters und einer britischen Mutter, in eine Identitätskrise. "Paki, Schriftsteller, Krüppel: Wer bin ich jetzt?" Seit dem Unfall sei seine Identität eher die eines Patienten denn die eines Schriftstellers.
Kureishis Körper wird in den Kreislauf des Krankenhausalltags eingespeist. "Ich bin den ganzen Tag lang und ununterbrochen Patient, für die Pflegerinnen und Pfleger, die sich um mich kümmern, ein mehr oder weniger anonymer Körper. Ich spüre, wie mir meine Identität entgleitet, als vergäße ich, wer ich bis jetzt war, und würde zu jemand anderem oder reduziert auf fast nichts."
Zu behaupten, Kureishis Tagebucheinträge befriedigten nicht den eigenen Voyeurismus, wäre gelogen. Was ihnen jedoch ihre Wucht verleiht, ist, dass hier einer spricht, der sich das Leben zurückerobert. Der, reglos in einem Krankenhauszimmer liegend, plötzlich unendlich viel Zeit hat und zum Nachdenken geradezu gezwungen wird. Über seine Vergangenheit. Das Jetzt. Die Zukunft. Über Liebe und Sex. Über Cancel Culture, den Zustand der Demokratie und Rassismus, den er selbst oft erlebt hat. Das sind oft kluge, erhellende, und manchmal witzig provozierende Gedanken.
Schließlich, nach einem Jahr in verschiedenen Krankenhäusern, kehrt Kureishi in sein behindertengerecht umgebautes Londoner Haus zurück. Seine Welt sei zertrümmert und neu zusammengesetzt worden, schreibt er. Aber er werde nicht untergehen. "Ich werde daraus etwas machen." Dafür muss man ihn bewundern.
Hanif Kureishi: '"Als meine Welt zerbrach".
Aus dem Englischen von Cornelius Reiber.
Luchterhand Literaturverlag, München 2025.
288 S., geb.
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