
»Nur wo wir handeln, fühlen wir uns lebendig, und nur im Handeln gewinnen wir soziale Energie. «
Die Lehrerin, die Noten nicht zur Ermutigung vergeben kann, die Ärztin, die Bildschirme statt Patienten behandelt, der Schiri, dessen Augenmaß vom VAR verdrängt wird: Unmerklich verändert sich in der Gegenwartsgesellschaft der Charakter unseres Handelns. Insbesondere im Berufsleben, aber zunehmend auch in der Freizeit zeichnen uns Richtlinien und Formulare, Algorithmen und Apps die Wege zur Entscheidungsfindung minutiös vor. An die Stelle situationssensiblen Überlegens und Urteilens tritt die konstellationsbasierte Vollzugslogik der Maschinen, mit denen wir tagein, tagaus hantieren. »Stimme zu« / »Stimme nicht zu« - so werden Handelnde zu Vollziehenden.
Diese Entwicklung, sosehr sie der Gerechtigkeit und Transparenz dienen mag, hat einen hohen Preis, den Hartmut Rosa in seinem neuen Augenöffner auf anschauliche Weise beziffert. Denn wenn Ermessensspielräume verschwinden und die Kreativität menschlichen Handelns aus den alltäglichen Praxisvollzügen eliminiert wird, wächst das Gefühl der Ohnmacht. Und mit der Urteilskraft verkümmert die Handlungsenergie als solche. Doch wie können wir diesem individuellen und kollektiven Energieverlust der Gesellschaft entgegenwirken? Indem wir, so Rosa, die menschliche Handlungsfähigkeit stärken, und zwar auf allen Ebenen der sozialen Existenz.
Besprechung vom 16.01.2026
Dieses Tor hätte doch zählen müssen!
Hartmut Rosa verliert sich mit seiner Kritik einer von Regeln erdrückten Gesellschaft im Anekdotischen
Wir leben in einer Welt, die uns immer weniger Spielräume lässt. An die Stelle von Handlungen treten Vollzüge. Dort, wo wir eine Situation umfassend beobachten und überdenken sollten, um eine Entscheidung zu treffen, legen bestimmende Konstellationen ein Ergebnis von vornherein fest. Diese Entwicklung zeigt sich in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Phänomenen: in Schiedsrichterentscheidungen, die den Sinn für Spielfluss und Gerechtigkeit verloren haben, in polizeilichen Praktiken, die sich weigern, mal ein Auge zuzudrücken, in wissenschaftlichen Bewertungen, die auf quantifizierbare Größen setzen, anstatt sich ein eigenes Qualitätsurteil zuzutrauen, oder in der Organisation einer Krankenpflege, die vor lauter Kostenanalysen und Effizienzberechnungen ihre Patienten aus den Augen verliert. So sieht es Hartmut Rosa, der als Theoretiker von Kategorien wie Resonanz und Beschleunigung für gesellschaftliche Großanalysen bekannte und prämierte Soziologe, in seinem neuen Buch. Dass er mit diesen Beschreibungen einen Punkt trifft, wird man schwerlich bestreiten können. Dass dieser Punkt neu, dass er begrifflich entwickelt, gut beschrieben oder erklärt würde, freilich schon.
Neu jedenfalls ist das Leiden an strikten Regeln nicht. Schon einer seiner Jenenser Vordenker, der frühromantische Aufklärungskritiker Novalis, klagte über die Herrschaft der Quantität ("Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren / sind Schlüssel aller Kreaturen"). Spätestens seit den 1980er-Jahren sind Quantifizierung und Verregelung Gegenstand einer großen soziologischen Diskussion. Hinzu kommen ausgefeilte philosophische Diskussionen über den Begriff der Urteilskraft und die Frage, was es bedeutet, einer Regel zu folgen. Eine Darstellung solcher Diskussionsstände sucht man im Buch aber ebenso vergeblich wie nach dem Gros an einschlägiger Literatur. Die Verweise bleiben eigenwillig und orientieren die Leserschaft kaum über den Umstand, dass viele andere Autoren als der Verfasser sich zu diesen Fragen bereits verhalten haben. Auch eine begriffliche Entfaltung der leitenden Unterscheidungen - Handlung und Vollzug, Situation und Konstellation, findet sich allenfalls in Ansätzen. Aristoteles und Kant, Theoretiker von Einzelfallgerechtigkeit und Urteilskraft werden eher pflichtschuldig erwähnt, ohne dass es eine ernsthafte Auseinandersetzung gäbe. Das Mantra des Verfassers lautet "Augenmaß und Fingerspitzengefühl". Wer wollte dem widersprechen? Begrifflich bleibt es dürftig. Dass es im Buch nicht recht systematisch zugeht, scheint aber auch ihm aufzufallen, wenn er sich in der Überschrift zum dritten Kapitel quasi selbst zur Ordnung ruft: "Und jetzt systemisch und systematisch . . .". Doch auch dieses Kapitel mündet letztlich in der für das Buch typischen Anekdotik.
Rosa macht an verschiedenen Stellen seiner Überlegungen ausdrücklich deutlich, dass die Verregelung der Welt nicht nur ein Problem ist, sondern formalisierte Regeln ohne Entscheidungsspielräume im Dienst von Gleichbehandlung, Kriterientransparenz und Erwartungsstabilisierung stehen können und damit ein Mittel an die Hand geben, uns vor Unfreiheit und Ungerechtigkeit zu schützen. Umgekehrt sieht Rosa auch, dass das von ihm propagierte Ideal des Handlungsspielraums missbraucht werden kann. Es ist nicht immer einfach, freie Handlung von autoritärer Willkür zu unterscheiden. Seine Lösung dieses Problems liegt aber nicht darin, diese Ambivalenzen zu verarbeiten und aus ihnen etwas wie eine Dialektik der regulativen Modernisierung zu konstruieren. Vielmehr bleiben diese Beobachtungen unverbunden neben dem kritischen Hauptnarrativ stehen und stören dessen Klage über die Verregelung nicht weiter. Hier erinnert das Buch an manche pauschale Bürokratiekritik, die im Nebensatz pflichtschuldig die Notwendigkeit von Gesundheitsämtern, Bankenaufsichtsbehörden und Katastrophenschutzstellen anerkennt, um die Litanei danach unverdrossen fortzusetzen. Schon weil die Entfesselung politischer Gewalt, die Lust am Regelbruch um seiner selbst willen, heute ein dringliches Problem ist, wäre mehr Ambivalenz der Problemdiagnose angezeigt gewesen. Das Buch wirkt in dieser Einseitigkeit etwas aus der Zeit gefallen. Vielleicht kommt es einfach zu spät.
Nun wäre gegen eine sich aus Beobachtungen speisende erzählende Soziologie weniger zu sagen, wenn sie nicht wie hier mit einem gesellschaftlichen Gesamtbeschreibungsanspruch auftreten würde. Zudem sind viele der Beispiele nicht recht stimmig. Dass "ein Dorfpolizist, wie wir ihn von früher kennen" (ich spare mir die Frage, welche goldene Epoche der deutschen Geschichte hier gemeint sein könnte), bei einem frisierten Mofa ein Auge zugedrückt hätte, sich mit solcher Großzügigkeit aber heute strafbar machen würde, ist eine Beobachtung ungeklärter Herkunft. Eine Änderung der Rechtslage wird nicht erwähnt. An polizeisoziologischen Erkenntnissen fehlt es gleichfalls. Es bleibt eine zweifelhafte Behauptung. Andere Beispiele werden zwar belegt, haben aber mit der These des Buchs wenig zu tun. So beginnt Rosa seine Darstellung mit der Schilderung eines Herrenbundesliga-Fußballspiels zwischen dem SC Freiburg und dem VfL Wolfsburg, in dem den Freiburgern am Ende des Spiels ein Tor (das vermeintliche 3:0) mithilfe des Video-Schiedsrichters aberkannt wurde, weil ihm ein Foulspiel vorausging. Die Darstellung ist ausdrücklich parteiisch und gewinnt viel von ihrer Verve aus der leidenschaftlichen Darstellung von Umständen, die zum Argument nichts beitragen, aber keinen Zweifel daran lassen, dass hier ein Freiburg-Fan schreibt. Dass auch die Fans von Wolfsburg "betroffen" waren, als das Tor aberkannt wurde, erscheint unwahrscheinlich, soll aber wohl suggerieren, dass der Konsens der Fans für die Regelauslegung wesentlich ist. Vor allem bleibt offen, was das genannte Beispiel zur These des Buchs beiträgt. Dass der Video-Assistent über zu wenig Spielräume verfügt, wenn er entscheidet, ob eine Handlung als Foul zählt oder nicht, wird man nicht behaupten können. Dass die Schiedsrichter nicht die Wahl haben, ein Tor anzuerkennen, das nach einer als Foul bewerteten Aktion fiel, wird man schwerlich als Konsequenz einer herzlosen Modernisierung verstehen, sondern ist für das Funktionieren des Spiels konstitutiv. Andernfalls würde die Regelauslegung einen Anreiz setzen, in bestimmten Situationen zu foulen. Die Ungenauigkeit des Beispiels hängt augenscheinlich mit der ungenügenden begrifflichen Arbeit zusammen. Damit bleibt auch von der erzählerischen Ebene des Buchs wenig übrig.
Rosas Buch endet mit einem Fall, der illustriert, was er aus dem Buch hätte machen können. Durch die Umstellung der ambulanten Pflege auf ausdefinierte Leistungskennziffern wurde es Pflegekräften schwer gemacht, auf die Bedürfnisse der Patienten einzugehen. Die Caritas Hochrhein ergriff erfolgreich die Initiative, dieses System durch ein offeneres zu ersetzen, in dem bei der Abrechnung der Leistungen individueller auf die Bedürfnisse der Patienten eingegangen werden kann. Die im Buch am Ende auf einigen Seiten dargestellten Umstände dieser Entwicklung erscheinen reich an Phänomenen und Perspektiven. Es spielen Recht, soziale Normen, pflegerische Erfahrung, Top-down-Regulierung und Bottom-up-Initiative ineinander. Aus einem solchen Fall mehr zu machen, ihn in seinen Verästelungen zu verfolgen, zu erklären, wie es zum Glauben an Kennziffern und andere Vergleichsgrößen kam und wie man ihn wieder loswird, hätte den Verfasser als aufmerksamen Beobachter der Gegenwartsgesellschaft ausgewiesen, der ihre Entwicklung kritisieren kann, ohne sie eindimensional beklagen zu müssen. Es hätte das Buch der begrifflichen und darstellerischen Nöte enthoben, mit denen es seine Leser auch dann alleinlässt, wenn sie so fühlen wie sein Verfasser. CHRISTOPH MÖLLERS
Hartmut Rosa: "Situation und Konstellation". Vom Verschwinden des Spielraums.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026.
247 S., geb.
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