Verstörend, brutal und moralisch unbequem ¿ ein erschreckend wirkungsvoller Blick in menschliche Abgründe.
Jack Ketchums Roman Evil spielt in einer scheinbar normalen amerikanischen Vorstadt der 1950er-Jahre. Im Mittelpunkt steht der jugendliche Erzähler David, der auf die Schwestern Meg und Susan trifft, die nach einem schweren familiären Verlust bei ihrer Tante Ruth unterkommen. Was zunächst wie ein gewöhnliches Umfeld aus Nachbarschaft, Kindheit und sommerlicher Freiheit wirkt, entwickelt sich zunehmend zu einer bedrohlichen Situation.David beobachtet, wie sich die Atmosphäre im Haus der Tante verändert und Meg immer stärker unter deren Kontrolle gerät. Während die Erwachsenenwelt weitgehend abwesend oder ahnungslos bleibt, geraten die Kinder in einen moralischen Sog aus Gruppendruck, Angst, Neugier und Mitläufertum. Der Roman zeigt dabei weniger ein klassisches Monster, sondern das Böse, das in alltäglichen Menschen und scheinbar normalen sozialen Strukturen entstehen kann.Ohne die weitere Handlung vorwegzunehmen, erzählt Evil von Schuld, Wegsehen, Machtmissbrauch und der Frage, wann bloßes Beobachten selbst zur Mitschuld wird. Die Geschichte ist psychologisch intensiv, bedrückend und bewusst verstörend, da sie die Grenze zwischen kindlicher Unschuld und grausamer Verantwortungslosigkeit immer weiter verschiebt.Das Vorwort von Stephen King habe ich beim Lesen direkt übersprungen, da mich bereits das Vorwort zu Beutezeit gespoilert hatte. Da ich nicht einmal den Klappentext von Evil gelesen hatte, wollte ich vollkommen unvoreingenommen an diesen Horrorthriller herangehen.Nach einem kurzen Prolog aus der Sicht des Erzählers David beginnt die Geschichte in einer ruhigen amerikanischen Vorstadt der 1950er-Jahre. Mehrere Familien leben dort mit ihren Kindern, die gerade Sommerferien haben und ihre Zeit gemeinsam verbringen, draußen spielen oder sich gegenseitig besuchen. In diesen Alltag treten die beiden Schwestern Meg und Susan, die nach dem Tod ihrer Eltern bei ihrer Tante Ruth unterkommen. Was zunächst wie eine harmlose Nachbarschaftsgeschichte wirkt, entwickelt sich für die beiden Mädchen bald zu einem grausamen Albtraum.Zum Teil hat mich die Geschichte an den Film Funny Games erinnert. Dort wird die vierte Wand durchbrochen, und der Zuschauer wird indirekt vor die Wahl gestellt, durch das weitere Zuschauen selbst zum Mittäter zu werden oder den Film abzubrechen. Evil zieht den Leser nicht ganz so direkt in das Geschehen hinein, arbeitet aber mit einem ähnlichen moralischen Unbehagen. Im Mittelpunkt steht David, der lange Zeit vor allem Beobachter bleibt. Für ihn scheinen zwei Welten nebeneinander zu existieren: die reale Welt, in der Meg gequält wird, und sein normaler Alltag mit Freunden und Familie.Jack Ketchum geht dabei für mich an die absolute Grenze einer verstörenden Erzählung und überschreitet sie in einigen Szenen auch. Das Buch ist weniger Horror im Sinne einer klassischen Gruselgeschichte. Vielmehr spielt es mit den Nerven und dem Gewissen des Lesers. Gewalt, Folter, sexualisierte Gewalt, auch an Minderjährigen, und absoluter Ekel werden sehr detailliert beschrieben. Dadurch eignet sich der Roman definitiv nicht für jeden Leser.Evil ist kurz, nach einer zunächst eher ruhigen Einstiegsphase emotional heftig und wirkt nach dem Lesen noch lange nach. Besonders beklemmend ist der Gedanke, dass es tatsächlich Menschen gibt, die Freude daran haben, Macht über andere auszuüben, sie zu demütigen oder ihnen auf verschiedene Weise Leid zuzufügen.Ketchum beschreibt die grausamen Szenen sehr detailliert - in diesem Fall muss ich fast sagen: leider. Die Charakterzeichnung ist nicht durchgehend stark ausgearbeitet, mit Ausnahme von David und Meg, dafür treibt der Plot die Geschichte ab der Mitte brutal und konsequent voran.Für mich ist Evil kein Buch, das ich gerne gelesen habe, aber eines, dessen Wirkung ich nicht abstreiten kann. Es trifft nicht ganz meinen persönlichen Geschmack, weil ich explizite Gewalt- und Folterszenen nur ungern lese. Trotzdem ist es kein schlechtes Buch, nur weil es mir nicht vollkommen zusagt. Gerade seine Intensität, seine moralische Wucht und die unangenehme Frage nach Schuld, Wegsehen und Mitläufertum machen den Roman stark.