"Migrationspanik. Wie Abschottungspolitik die autoritäre Wende" befördert von Judith Kohlenberger (erschienen beim Picus Verlag ) ist kein leichtes Buch, aber ein notwendiges. Die Kulturwissenschaftlerin und Migrationsforscherin analysiert darin, wie politische Angststrategien, mediale Empörungsmechanismen und gesellschaftliche Polarisierung Hand in Hand gehen. Und sie zeigt, warum Empathie und Zuhören zu politischen Werkzeugen werden müssen.
Meine Meinung
Schon der Einstieg ein Gespräch zwischen der Autorin und ihrem gutem Freund, einem FPÖ-Wähler zieht einen in Bann. Kohlenberger stellt sich hier der Realität: den Dissonanzen im eigenen Umfeld. Und sie tut es mit einer Haltung, die ich bewundere klar, sachlich, ohne moralische Überheblichkeit und immer darauf bedacht, den politischen Graben zu überwinden.
Rechtspopulistische Ideologie ist und war nie das Privileg der unteren 25 Prozent (S. 9), dieser Satz trifft den Kern vieler Diskussionen. Kohlenberger entlarvt den Mythos der Globalisierungsverlierer als einfache Erzählung, die komplexe Machtverhältnisse verdeckt. Besonders eindrücklich finde ich, wie sie Hannah Arendt zitiert: Einsamkeit als Nährboden des Autoritären (S. 10).
Ein Kapitel, das mich besonders bewegt hat, handelt von der Migrationspanik ohne Migrant:innen (S. 26). Dass rechtspopulistische Erzählungen längst unabhängig von realen Zuwanderungszahlen funktionieren, ist erschreckend und Kohlenberger belegt das mit Zahlen und historischen Beispielen. Gleichzeitig zeigt sie Wege aus dieser Panik: durch Begegnung, durch Beziehung, durch das, was sie (im besten Sinne) Empathiepolitik nennt.
Fakten erreichen uns niemals dort, wo es Emotionen tun (S. 22), diesen Satz habe ich mir fett markiert. Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis des Buches: Dass rationale Aufklärung allein nicht reicht, wenn wir den Dialog mit Angst und Wut führen wollen. Wenn wir was erreichen wollen, müssen wir die Menschen auch emotional abholen.
Ich habe während dem Lesen manchmal wütend den Kopf geschüttelt. Nicht, weil ich widersprochen hätte, sondern weil es so schmerzhaft klar macht, wie sehr unsere Gesellschaft auf Abgrenzung konditioniert ist.
Fazit
Kohlenberger schreibt mit analytischer Schärfe und humanistischer Tiefe. "Migrationspanik" ist Pflichtlektüre für alle, die verstehen wollen, wie aus Angst Autoritarismus wächst und warum Zuhören keine Schwäche ist, sondern demokratische Praxis. Für Einsteiger:innen ins Thema Fluchtmigration ebenso empfehlenswert wie für politisch Interessierte, die nach Orientierung in komplexen Zeiten suchen.
Ich hätte mir stellenweise etwas mehr erzählerische Wärme gewünscht, aber das mindert die Dringlichkeit dieses Buches kein bisschen. Danke an netgalley.de und den Picus Verlag für das Rezensionsexemplar.