Spannend, relevant ¿ auf den Punkt gebracht
Weil die Buchbranche griffige Formeln liebt, hat sie die Art, wie Karine Tuil und einige andere französische Autor(inn)en ihre Stoffe angehen, gleich zu einer literarischen Richtung geadelt. Die nennt sich Exofiktionalismus und zeichnet sich dadurch aus, dass sie in dramaturgischer Form gesellschaftliche Entwicklungen verdichtet - MeToo beispielsweise wie in Tuils letztem Roman, oder aber das widerspruchsvolle Zusammenleben von arabisch- und jüdischstämmigen Menschen in Frankreich."Die Gierigen",erschienen bereits 2014, folgt dem bewährten Konzept einer Dreierbeziehung. Da eine Frau, hier zwei Männer, der eine ein Aufsteiger mit arabischem Hintergrund, der andere mit jüdischem Background und auf der Aufstiegsleiter an irgendeinem Punkt hängengeblieben. Was woanders eine Konstellation wäre für einen Roman über eine amour fou, gerät bei Karine Tuil zu einer Studie über einen Clash mit gesellschaftlichem Background.Die Art und Weise, wie Tuil diese Carambolage-Geschichte in Szene setzt, könnte man als formal klassisch bezeichnen. Die Geschichte wird so erzählt, sie die Geschichte es eben erfordert - nicht zu lang und auch nicht zu kurz. Leserinnen und Leser, die eine Antenne haben für gesellschaftliche Ambiguitäten, werden allerdings in einen Sog hineingezogen, der dem Sog, in dem sich die Beteiligten in dieser Geschichte befinden, durchaus ähnelt.Fazit so: ein Gesellschaftsroman, der als Pageturner daherkommt. Oder, es heißt ja auch "Exofiktionalismus": vielleicht auch umgekehrt.