
Besprechung vom 02.12.2025
Sind ARD und ZDF noch zu retten?
Seit achtzig Jahren ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der Bundesrepublik auf Sendung. Die Krise, in der er sich gegenwärtig befindet, hat schon in den Achtzigern begonnen, konstatiert der Historiker Karsten Rudolph.
Sir Hugh Carleton Greene hat deutsche Rundfunkgeschichte geschrieben. Der Journalist war nach 1945 im Auftrag der britischen Besatzungsmacht Organisator der ersten öffentlich-rechtlichen Anstalt, des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR). Greenes Credo lautete: Wie die BBC sollte der NWDR keine eigene politische Agenda verfolgen. Denn öffentlich-rechtliche Sender hätten keine Meinung zu haben, sondern die Aufgabe, anderen die Möglichkeit zu geben, ihre Meinung zu äußern, sodass sich jeder sein eigenes Urteil bilden könne. "Wenn ich die Politik eines solchen Senders in zwei Worten zusammenfassen kann, dann sind es Sachlichkeit und Objektivität auf allen Gebieten."
Auf diesen Auftrag verweist Karsten Rudolph, Professor für Sozial- und Politikgeschichte an der Ruhruniversität Bochum, ehemaliger SPD-Landtagsabgeordneter und Mitglied des WDR-Rundfunkrats, gleich zu Beginn seines Buches zu "Aufstieg und Krise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks". Er beschreibt als Historiker und Kenner der größten ARD-Anstalt die Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunk von seiner Gründung bis in die heutige Zeit. Die mangelnde Umsetzung des Leitbildes Greenes, "keine eigene Meinung zu haben" und "sachlich und objektiv" zu berichten, ist 75 Jahre später einer der wichtigsten Kritikpunkte an ARD, ZDF und Deutschlandradio.
Mit profunder Sach- und Quellenkenntnis schildert Rudolph die Nachkriegsjahre in den Rundfunkanstalten, die vom beginnenden Kalten Krieg geprägt waren. Anders als die Briten und Franzosen errichteten die Amerikaner in ihrer Zone keine zentrale Rundfunkanstalt per Verordnung, sie übergaben die Verantwortung für die Sender den jeweiligen Landesparlamenten. So kamen vier deutsche Rundfunkgesetze zustande, die jedoch in der Grundstruktur alle dem NWDR-Modell treu blieben. Nicht verhindert wurde, dass ehemalige Nationalsozialisten führende Positionen in den jungen Anstalten besetzten. "Die Gründungsintendanten waren ausnahmslos Gegner des NS-Regimes gewesen; darin lag ihre biographische Überzeugungskraft. Doch schon unterhalb der Leitungsebene sah es in den neuen deutschen Rundfunkanstalten anders aus", schreibt Rudolph.
Eine Zäsur für die deutsche Medienlandschaft und Medienpolitik war der 17. Dezember 1960. An dem Tag untersagte das Bundesverfassungsgericht dem Bund per einstweiliger Anordnung die Ausstrahlung eines weiteren Fernsehprogramms. Wegen seiner schlechten Erfahrungen mit dem Rundfunk wollte Konrad Adenauer bekanntlich - er hatte die anstehende Bundestagswahl im Blick - neben der ARD einen zweiten Fernsehkanal einrichten lassen. Der Sender sollte von Gruppen der Industrie und aus der Zeitungsbranche privatwirtschaftlich finanziert werden und der Regierung näherstehen. Die Pläne scheiterten nicht nur am Einspruch des Gerichts, sondern auch am Widerstand der SPD und an der föderalen Struktur der Bundesrepublik. Anschließend beschlossen die Länder per Staatsvertrag die Gründung des ZDF.
"Die Debatte um die Erhöhung der Rundfunkgebühren setzte mit der Gründung des ZDF ein", wird im Buch kühn resümiert. Darf man daraus schließen: Ohne ZDF wären die Beitragskommission KEF, die Debatten um Einsparungen, wie sie gegenwärtig erneut aufflammen, also nicht notwendig? Hätten die ARD-Anstalten von sich aus, ohne politischen Druck, sparsamer gewirtschaftet? Diese Frage lässt der Historiker unbeantwortet und muss einige Seiten später zugeben: "Vor allem bei den Versorgungsansprüchen zogen die Mitarbeiter des Rundfunks an den Beschäftigten im Printbereich vorbei, in puncto Bezahlung auch am öffentlichen Dienst. Die Beschäftigungsbedingungen kombinierten jeweils das Beste aus beiden Welten - aus der Welt der Privatwirtschaft und aus der Welt des öffentlichen Dienstes. Das galt zuerst für die Intendanten und Direktoren, denen umfangreiche Pensionszahlungen und - wie bei politischen Beamten oder Ministern üblich - Übergangsgelder zugesichert wurden und deren Gehälter erheblich angestiegen waren."
Die Sechziger- und Siebzigerjahre werden als eine Zeit öffentlich-rechtlicher Idylle beschrieben, in der das Fernsehen zu einer nationalen Integrationsinstanz aufstieg, zum großen Nation Builder wurde. Selbst die Tageszeitungen mussten sich angeblich der Macht der Fernsehnachrichten beugen und "machten morgens mit den Themen auf, die die Tagesschau am Vorabend zuerst gebracht hatte". Dennoch gab es auch in dieser Zeit, wie der Autor beschreibt, öffentliche Debatten über den wertenden Stil eines Teils der Berichterstattung. Der Programmdirektor Deutsches Fernsehen, Dietrich Schwarzkopf, bezeichnete, so Rudolph, den "missionarischen Gesinnungsjournalismus" als eine der größten Schwächen der ARD.
Doch diese insgesamt heile Welt, die in den Kapiteln zwei und drei detailliert geschildert wird, zerstörte in den Achtzigerjahren der private Rundfunk - die "Medienordnung geriet ins Wanken". Dazu trug wesentlich ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes von 1981 bei, das die Sendebedingungen verfassungskonform definierte. Folgt man dem Autor, war die Zulassung privater Veranstalter allein auf politisches Machtkalkül der Unionsparteien in Bund und Ländern sowie dem nachlassenden Widerstand der SPD zurückzuführen und nicht auf ein allgemeines Bedürfnis, eine andere Art von Rundfunk zu konsumieren.
Auf den ersten 150 Seiten werden die öffentlich-rechtlichen Anstalten positiv präsentiert, sie hätten sich durch ihr Programm alles in allem Respekt und Akzeptanz verdient. Erst durch die jungen privaten Sender seien sie in eine Krise gestürzt worden. Wenn die Karlsruher Richter immer wieder mit einer Bestands- und Entwicklungsgarantie und "einem Grundversorgungsauftrag" ARD und ZDF unter die Arme griffen, wurde das oft dementsprechend selbstbewusst als Angriff auf das "Sendemonopol" gewertet.
Nach der Wiedervereinigung und dem Aus des DDR-Fernsehens - Ereignisse, die im Buch nur gestreift werden - stellten die Demoskopen erstaunt fest, dass die Zuschauer in den neuen Bundesländer überwiegend die privaten Programme nutzten. Anscheinend goutierten die neuen Bundesbürger die privaten Sender, weil diese mit überkommenen Sehroutinen brachen, keine große Staatsnähe aufwiesen und bessere Unterhaltung in schlechten Zeiten boten, so Rudolph. "Die duale Rundfunkordnung hatte die Öffentlich-Rechtlichen in eine ernste Krise geführt. Sie konnten sich nur dann behaupten, wenn ihnen die schmale Gratwanderung zwischen Attraktivität und Anspruch gelang." Wie das möglicherweise zu erreichen sei, formuliert der Autor abschließend in vier Thesen: Der Rundfunk müsse schlanker und schneller werden, zur Live-Orientierung zurückfinden, sich weniger auf größtmögliche Reichweite fokussieren und sein Comeback unter Einbeziehung der demokratischen Zivilgesellschaft bestreiten. Ob es damit getan ist?
"Sendestörung" ist in Teilen ein widersprüchliches Buch. Detailliert mit großer Sachkenntnis beschreibt es die ersten 40 "Goldenen Jahre" der beitragsfinanzierten Anstalten, übersieht dabei jedoch, dass in dieser Zeit die Grundlage für das spätere unflexible Reagieren, für Fehlsteuerung und Fehlprognosen gelegt worden ist. Die positive Rolle des Bundesverfassungsgerichts wird zu Recht gewürdigt. Daraus aber den Schluss zu ziehen, Karlsruhe sei das notwendige Korrektiv für eine falsche Medienpolitik der Länder, wie es das Buch teilweise suggeriert, darf man für gewagt halten. HELMUT HARTUNG
Karsten Rudolph: "Sendestörung".
Aufstieg und Krise des
öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
C.H. Beck Verlag, München 2025. 240 S., Abb., br.
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