Eine sehr bewegende Geschichte, die ihr Potenzial leider nicht vollständig ausschöpft und ein etwas zu abruptes Ende hat.
Inhalt:Drei auf verschiedenen Kontinenten lebende Frauen stehen jeweils vor großen Herausforderungen und es stehen ihnen einschneidende Veränderungen bevor:In Indien kämpft Smita verzweifelt um eine bessere Zukunft für ihre Tochter Lalita.In Italien muss Giulia vollkommen unerwartet die Verantwortung für das Familienunternehmen übernehmen dem der finanzielle Ruin droht.In Kanada erfährt Sarah, dass sie schwer krank ist und das gefährdet ihre berufliche Karriere.Sie weiß nicht, wohin mit ihren Sorgen, die wie eine gewaltige Welle über sie hereinbrechen. (S. 161)Es müsste ein Wunder geschehen, um sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Aber im echten Leben gibt es keine Wunder. [...] Die Zeit, in der sie an Märchen glauben durfte, ist vorbei. (S. 195/196)Meine Meinung:Bei diesem Buch ist mir die Bewertung ein wenig schwergefallen, weil mein Leseerlebnis ein wenig durchwachsen war. Folgendes möchte ich positiv hervorheben: Das Buch macht nachdenklich und spricht einige wirklich wichtige und ernste Themen an, die nicht allzu oft in Romanen thematisiert werden. Der Schreibstil ist angenehm und man hat das Buch in kürzester Zeit gelesen. Außerdem wurden die drei sehr unterschiedlichen Handlungsstränge ganz am Schluss auf unerwartete und interessante Weise sehr gelungen miteinander verknüpft. Leider hatte ich aber auch einige Kritikpunkte (weiter unten mehr dazu).Dieses Buch sollte man besser nicht lesen, wenn man gerade ohnehin schon traurig ist, denn es gibt in diesem Buch eine ganze Menge dramatische, bedrückende und sehr traurig stimmende Momente: Sarah erkrankt schwer und wird zu allem Überfluss auch noch deswegen am Arbeitsplatz diskriminiert, stigmatisiert und ausgegrenzt. Giulia wiederum kämpft verzweifelt darum das traditionsreiche Familienunternehmen vor dem Ruin zu retten und noch dazu muss sie um das Leben ihres Vaters bangen. Ganz besonders erschütternd ist zudem der in Indien spielende Handlungsstrang rund um Smita und deren Tochter Lalita, denn es werden einem sehr eindringlich die Schattenseiten des Kastensystems und die vielfache Verletzung von Frauenrechten und Menschenrechten vor Augen geführt werden. Die folgenden Textstellen sprechen in dieser Hinsicht für sich:Sie weiß, dass Vergewaltigungsopfer hierzulande immer als die Schuldigen gelten. Frauen genießen keinerlei Respekt, umso weniger, wenn sie als unberührbar gelten. [...] Einen Mann, der seine Schulden nicht begleicht, straft man, indem man sich an seiner Frau vergeht. Einen Mann, der einer verheirateten Frau nachsteigt, straft man, indem man seine Schwestern missbraucht. Die Vergewaltigung ist eine äußerst wirkungsvolle Waffe, eine Massenvernichtungswaffe. Manche nennen es eine Seuche. (S. 114/115)Jedes Jahr werden in Indien zwei Millionen Frauen ermordet. Zwei Millionen Opfer männlicher Barbarei - und alle Welt schaut gleichgültig zu. Es ist der Welt völlig egal. Die Welt überlässt diese Frauen einfach ihrem Schicksal. (S. 115)In Indien werden Witwen verflucht, sie haben sich in den Augen der anderen schuldig gemacht, weil sie die Seele des Verstorbenen nicht zu halten wussten. [...] Es heißt, allein der Anblick einer Witwe bringe Unglück, und nur ihrem Schatten zu begegnen gilt als schlechtes Omen. [...] Oft werden sie von ihrer eigenen Familie vor die Tür gesetzt. Mit zitternder Stimme erwähnt Lackshmama die grausame Sati-Tradition, die eine Witwe früher zu Selbstverbrennung auf dem Scheiterhaufen ihres verstorbenen Mannes verurteilte. (S. 186/187)Ganz am Ende werden die drei bis dahin vollständig separaten Handlungsstränge in gelungener und interessanter Weise zusammengefügt. Das Ende ist hoffnungsvoll, denn es deutet einiges darauf hin, dass Smita, Giulia und Sarah einer glücklichen bzw. zumindest glücklicheren Zukunft entgegengehen.Meine Kritikpunkte:Ich konnte mich zwar gut in Smita, Giulia und Sarah hineinversetzen, aber bei den meisten Büchern fühle ich mich den jeweiligen Protagonisten deutlich stärker verbunden als es hier der Fall war. Einer der Gründe dafür ist sicher die Tatsache, dass man vergleichsweise wenige Zeit hat um die drei kennenzulernen: Das Buch hat ohnehin nur rund 280 Seiten, die noch dazu in großer Schriftgröße bedruckt sind und dann werden auch noch drei weitgehend separate Handlungsstränge erzählt. Dadurch werden den drei Protagonistinnen jeweils noch nicht einmal 100 Seiten gewidmet. Hinzu kommt, dass die jeweiligen Lebensumstände der Frauen klar im Vordergrund stehen, weil dadurch auf bestimmte Probleme aufmerksam gemacht werden soll. Das geht aber zu Lasten einer detaillierten Charakterisierung was wiederum dazu geführt hat, dass für mich eine etwas zu große Distanz zu den Protagonistinnen bestand. Mein zweiter Kritikpunkt ist das Ende des Buches, das mir zu abrupt war und für mein Empfinden etwas zu offen ist. Man erfährt nicht, ob Sarahden Krebs wirklich besiegen wird. Man wird schlicht damit "abgespeist", dass Sarah davon überzeugt ist, dass die wieder gesund werden wird. Smita blickt ebenfalls voll Hoffnung und mit einem guten Gefühl in die Zukunft, weil sieanderenorts mit ihrer Tochter einen Neuanfang starten wird. Ob dieser das aber wirklich gelingen wird bleibt ungewiss und man hat diesbezüglich durchaus Sorgen, weildie beiden weitgehend mittellos sind und sich weiterhin in einem Land befinden in dem die Frauenrechts- und Menschenrechtslage alarmierend sind.Wenigstens wird zumindest der Handlungsstrang rund um Giulia zufriedenstellend abgeschlossen.Fazit:Das Buch spricht in bewegender Weise ernste Themen an und stimmt nachdenklich. Allerdings war mir die Distanz zu den Protagonistinnen leider zu groß und die Charakterisierung fiel mir zu oberflächlich aus. Außerdem ist mir das Ende zu abrupt und es lässt für mein Empfinden zu viel offen. Dennoch habe ich das Buch gerne gelesen. Aus den genannten Gründen würde ich es aber kein zweites Mal lesen.Zum Schluss noch ein paar Zitate, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind:Manchmal ist die Vorstellung wohltuend, dass alles ein Ende hat, dass jede Qual, so groß sie auch sein mag, irgendwann aufhört, vielleicht morgen. (S. 243)"Sie wussten nicht, dass es unmöglich war, also haben sie es getan." (Mark Twain) (S. 261)"Nach vierzig ist niemand mehr jung" - der Satz stammt von Coco Chanel. Sarah hat ihn in einer Zeitschrift gelesen, die sie sofort beiseitelegte, ohne den Satz bis zum Ende zu lesen: "Aber unwiderstehlich kann man in jedem Alter sein." (S. 69)