Über starke Frauen, die über Kontinente hinweg miteinander verbunden sind. Schöne Idee, leider sehr oberflächliche Umsetzung.
"Der Zopf" von Laetitia Colombani handelt von drei starken Frauen, die schwere Schicksale durchleben und ihnen trotzen. Im Laufe des Buches wird deutlich, dass ihre Leben auf indirekte Weise miteinander verbunden sind, wie die Stränge eines Zopfes. Smita lebt in Indien und gehört zur untersten Kaste der Dalits, Giulia arbeitet in der Perückenwerkstatt ihres Vaters auf Sizilien und Sarah ist eine erfolgreiche Anwältin in Kanada. Jede von ihnen gerät in eine existenzielle Krise und muss Entscheidungen treffen, die ihr Leben verändern. Der Roman ist in einer klaren, eher schmucklosen Sprache geschrieben, dadurch lässt sich die Handlung sehr leicht verfolgen. Aufgrund seines relativ geringen Umfangs kann man das Buch problemlos in kurzer Zeit lesen. Gleichzeitig ist diese Knappheit auch die wesentliche Schwäche des Romans. Die Geschichte entwickelt sich sehr schnell und schon nach den ersten Kapiteln wird die Handlung vorhersehbar. Dadurch entsteht kaum ein Spannungsaufbau. Die Charaktere können in der Kürze der Zeit gar keine Tiefe bekommen und bleiben daher eindimensional.Dabei besitzt der Roman thematisch großes Potenzial. Fragen nach sozialer Ungleichheit, Geschlechterrollen und Globalität werden immer wieder angesprochen. Besonders die Geschichte von Smita und die Diskriminierung der Dalits hat mich als Leserin berührt. Gerade hier hätte ich mir daher mehr erzählerische Tiefe gewünscht. Die Darstellung bleibt meist vereinfacht und reduziert komplexe gesellschaftliche Strukturen auf wenige prägnante Szenen. Dadurch entsteht der Eindruck, dass Klischees von Armut und Unterdrückung vor allem zur emotionalen Wirkung eingesetzt werden. Der Handlungsstrang wirkt auf mich dadurch eher wie eine zugespitzte Inszenierung als wie eine differenzierte Auseinandersetzung mit den sozialen Realitäten. (Was nicht heißt, dass die dargestellten Szenen an sich nicht realistisch wären.)Dies zieht sich leider durch das gesamte Buch: Konflikte werden aufgebaut, aber relativ schnell und sehr einfach aufgelöst. Spannnungsbögen werden nicht zu Ende geführt. Auf das Ende möchte ich nicht näher eingehen, um Spoiler zu vermeiden, aber auch hier wurde meiner Ansicht nach der leichte, umkomplizierte Weg gewählt, was der Geschichte leider die Glaubwürdigkeit nahm.Insgesamt bietet "Der Zopf" meiner Meinung nach viele interessante Ansätze und eine starke Grundidee. Der Roman spricht wichtige gesellschaftliche Themen an und erzählt drei bewegende Schicksale. Gleichzeitig bleibt er erzählerisch an der Oberfläche und entscheidet sich eher für eine leicht zugängliche, emotionale Erzählweise. Als kurze, gut lesbare Geschichte über Mut und Selbstbestimmung funktioniert das Buch jedoch.