Die Anwältin Maître Susane erhält eines Tages in ihrer Kanzlei Besuch eines gewissen Gilles Principaux. Er will, dass sie die Verteidigung seiner Frau übernimmt, die aufgrund des wohl schlimmstmöglichen Verbrechens angeklagt ist: Mord ihrer drei Kinder. Maître Susane übernimmt den Fall, der hohe Aufmerksamkeit und damit einen enormen Karriereschub verspricht. Doch dies ist nicht der alleinige Grund: Gilles Principaux kommt ihr sehr bekannt vor. Handelt es sich bei ihm um den Jugendlichen, dem sie vor vielen Jahren einst begegnet ist und der ihr gezeigt hat, welches Talent sie für die Argumentation besitzt? Maître Susane befragt ihre Eltern, die verhalten reagieren: Die Mutter weiß sich nicht zu erinnern, der Vater stellt die Frage nach einem möglichen Missbrauch durch den Jugendlichen, der vielleicht Gilles Principaux ist, in den Raum. Maître Susane versucht, weitere Nachforschungen zu betreiben und sieht auf einmal weitere mögliche Verbindungen. Doch sind diese wirklich da?Marie Ndiayes RomanDie Rache ist meinhat genau einen Reiz, der mich das Buch nicht hat abbrechen lassen: seine durchgehendunzuverlässige Erzählerin.Maître Susane erzählt in diesem Roman selber die Geschichte - und zwar sowohl die Geschichte um die mordende Mutter, der Ehefrau von Gilles Principaux, als auch die Geschichte ihrer eigenen Persönlichkeitsfindung. Dabei wird in beiden Erzählungen schnell deutlich, dass sie mit einer ganz bestimmten Brille auf das Geschehen blickt,Leerstellen mit Vermutungen füllt, blinde Flecken konsequent ausblendet und von dem dringenden Wunsch geleitet wird, eine runde Story zu präsentieren. Gerade wenn sie von dem Rechtsfall der Kindesmörderin berichtet, sorgt dies für Spannung, da man als Leser:in immer wieder gefragt wird: Ist dies wirklich so passiert? Waren das die Motive? Sind Herr und Frau Principaux so, wie sie hier gezeichnet werden?Leider kehrt sich diese Erzählweise bei der Darstellung der eigenen Identitätsentwicklung ins Gegenteil: Maître Susane erscheintneurotisch und übertrieben fixiert auf diesen einen Nachmittag mit dem unbekannten männlichen Jugendlichen, der angeblich alles verändert hat, ohne dass sie genaue Worte für diese Veränderung hat. Zudem reichert sie ihre Persönlichkeitsanalyse mitausufernden Exkursen über ihre Putzhilfe (die sie zugleich in einem Fall von Aufenthaltsrecht vertritt) und ihren Ex-Partner an, wobei sich auch hier wieder eine fast krankhafte Aufmerksamkeit beiden gegenüber an den Tag legt.Neben den inhaltlichen Mängeln kann zudemder Stil nicht überzeugen. Die Aussagen der Ehepartner sind in einem gekünstelten Protokollstil festgehalten, der in seiner rhetorischen Machart affig wirkt; Maître Susans eigene (schon wirr genügende) Gedanken werden zudem regelmäßig durch kursiv gesetzte Einschübe erweitert, die sich bemühen, auf eine noch tiefer gehende Ebene hinzuweisen, letztlich aber nurermüden.Insgesamt istDie Rache ist meinein wirrer Roman, der zwar zu Beginn mit seiner Erzählweise besticht, im Laufe der knapp 235 Seiten aber nur noch langweilt. Inhaltlich dreht sich der Roman im Kreis oder nicht weg vom Fleck - je nachdem, wie man es bewerten will.Er gibt keine eindeutigen Antworten und - schlimmer noch - stellt keine eindeutigen Fragen. Für mich eine artifizielle Geschichte ohne Mehrwert. 2 Sterne.