Fabelhaftes Setting, sympathische Charaktere und Vampire!
In "Die Überfahrt" trat eine Unzahl von Charakteren auf, doch da der Autor sich Zeit nahm, diese nacheinander einzuführen, fiel es mir nicht schwer, den Überblick zu behalten. Meine Favoriten waren die Jugendlichen Albin und Lo sowie das Paar Calle und Vincent.Das Setting der Baltic Charisma erinnerte eher an ein großes Kreuzfahrtschiff denn eine Fähre und war unglaublich atmosphärisch. Nett fand ich, dass es in der vorderen Umschlagklappe des Buchs einen (wenn auch recht dürftigen) Plan des Schiffs gab.Die Kapitel trugen mit ihrer Kürze zum Spannungsaufbau bei, mitunter störte mich der Perspektivwechsel jedoch auch und ich wäre lieber bei einem Charakter verweilt, anstatt zum nächsten zu springen. Zwischendurch streute der Autor immer wieder mit dem Schiffsnamen überschriebene Kapitel ein, welche auktorial (quasi aus Sicht der Baltic Charisma) von den Handlungen verschiedenster Personen an Bord berichteten, was eine gute Übersicht über die Vorgänge verschaffte.(SPOILER) Der erste Vampirbiss war eindrücklich geschildert; mir fiel vor allem auf, wie sich der als schwedischer Stephen King betitelte Autor dabei einiger Stilmittel besagten literarischen Vorbilds bediente. Anschließend verwandelte sich Tomas, der Gebissene, selbst in einen Vampir und verspürte wiederum den Drang, neue Beute zu suchen, wodurch die Geschichte sukzessive zu einer Art Endzeitroman mutierte, nur dass man statt Zombies eben andere untote Gestalten hatte. Dementsprechend viel Gemetzel gab es, vor allem im letzten Drittel, welches mir wohl am wenigsten zusagte.Bereits nach der Hälfte begann sich die Geschichte ein wenig zu ziehen: Als Leser steckte man in einem anhaltenden Zustand austarierter Gewalten - weder den Protagonisten noch den Vampiren gelang ein entscheidender Schlag gegen die jeweils andere Front. Was mir dafür gefiel, war, wenn unterschiedliche Charaktere Grüppchen bildeten, zum Beispiel Marianne mit Vincent, zu denen später noch Madde dazustieß.Zum Schluss gab es eine Art Epilog, in dem berichtet wurde, was mit den Figuren nach Sinken des Schiffs passierte, obgleich dies nicht über Unterkommen in einer Rettungsinsel beziehungsweise Ertrinken hinausging. Ob die Geflüchteten es tatsächlich an Land schafften, blieb unerwähnt. Genauso ließ der Autor bewusst vage, inwieweit der Horror überstanden war, indem er andeutete, wie die Vampire auf dem Meeresboden in Richtung Festland robbten. Dies ist typisch für das Genre, doch gierte ich dennoch sogleich nach Fortsetzung. Die meisten der Protagonisten wurden zumindest vorerst verschont, was mir zusagte, anderen hingegen zu langweilig sein mag. (SPOILER ENDE)Fazit: "Die Überfahrt" war vor allem im ersten Drittel ein äußerst starker Horrorroman mit fantastischem Setting sowie einer Vielzahl ausgereifter Charaktere. Später driftete mir die Geschichte zu sehr ins Blutvergießen ab, doch bleibt Mats Strandberg auf jeden Fall auf meinem Radar!