Level-Ups, Weltuntergang, eine bissige Showkatze und überraschend viel Sogwirkung: »Dungeon Crawler Carl« hat mich unerwartet begeistert
Mit nichts weiter als Boxershorts, einer Lederjacke und den pinken Crocs seiner Ex-Freundin bekleidet steht Carl mitten in der Nacht im Schnee. Er ist nach draußen gelaufen, weil die preisgekrönte persische Katze seiner Ex - Princess Donut - ausgerechnet jetzt beschlossen hat, einen nächtlichen Ausflug zu machen. Etwas, das sie vorher noch nie gemacht hat.Und als wäre das nicht schon absurd genug, hört die Erde plötzlich auf, die zu sein, die sie vorher war. Innerhalb von Sekunden wird sie von Außerirdischen zerstört und ihre Ressourcen "verwertet". Gebäude, Straßen, ganze Städte, ein Großteil der Menschheit - alles verschwindet. Nur die, die sich in diesem Moment zufällig draußen befinden, überleben. Was bleibt, sind sie. Und ein Dungeon.Ein unterirdisches, levelbasiertes System wird zur einzigen Überlebenschance und gleichzeitig zu einem Wettbewerb, in dem über die Zukunft der Menschheit entschieden wird. Die Überlebenden werden zu sogenannten "Crawlern", kämpfen sich von Ebene zu Ebene, schalten Fähigkeiten frei, sammeln Ausrüstung und dringen immer weiter nach unten vor. Unter Zeitdruck, denn jedes Level wird zerstört, sobald die Zeit abläuft.Mittendrin: Carl. Und Princess Donut, die schnell zeigt, dass sie weit mehr als nur eine Katze ist."Dungeon Crawler Carl" war mein erster Berührungspunkt mit LitRPG und Progression Fantasy und ich muss echt sagen: Warum habe ich das nicht schon viel früher ausprobiert? Ich hatte beim Lesen unglaublich viel Spaß und möchte definitiv mehr aus diesem Genre entdecken. Besonders gut funktioniert das Buch, wenn man eine gewisse Nähe zu Gaming hat, sei es durch Pen & Paper oder andere Rollenspiele. Viele Mechaniken fühlen sich sofort vertraut an und tragen enorm zum Lesefluss bei.Der Einstieg in die Geschichte fühlt sich dabei genauso an wie der Moment, in dem Carl selbst in dieses System geworfen wird: plötzlich, überfordernd, leicht chaotisch und vor allem komplett absurd. Level-Ups, Loot, neue Fähigkeiten und ständig eskalierende Herausforderungen erzeugen einen richtigen Sog, sodass ich deutlich schneller in dieser Geschichte drin war, als ich erwartet hätte.Das Buch lebt stark von seinem Humor, der oft derb, stellenweise ziemlich plump und bewusst drüber ist. Vieles wirkt völlig überzeichnet und bewegt sich nah an der Grenze zum Lächerlichen. Trotzdem funktioniert das erstaunlich gut, weil der Roman gar nicht erst versucht, diese Absurdität abzuschwächen, sondern sie konsequent durchzieht.Gleichzeitig liegt unter all dem Chaos eine deutlich düstere Grundidee: eine zerstörte Welt, ein System, das Überleben zur Unterhaltung macht und Figuren, die sich in einem Spiel bewegen, dessen Regeln sie nie ganz durchschauen können. Gerade die Inszenierung als Gameshow erinnert immer wieder an "Die Tribute von Panem" oder "Squid Game", wird hier aber noch stärker ins Groteske verschoben.Besonders gut funktioniert die Dynamik zwischen Carl und Princess Donut. Was zunächst wie eine reine Gag-Konstellation wirkt, entwickelt schnell eine eigene Stärke. Donut ist nicht nur Begleiterin, sondern eine Figur mit klarer Präsenz und erstaunlich viel Persönlichkeit. Ihr Zusammenspiel mit Carl bewegt sich zwischen Chaos, Reibung und einer überraschenden Verlässlichkeit. Carl selbst ist dabei kein klassischer Held, sondern jemand, der versucht, sich Schritt für Schritt in dieser absurden Situation zurechtzufinden.Ein kleiner Kritikpunkt bleibt für mich dennoch. So unterhaltsam die vielen Kämpfe und Level sind, nehmen sie teilweise sehr viel Raum ein. Gerade weil im Hintergrund immer wieder spannendere Fragen aufgeworfen werden, hätte ich mir stellenweise mehr Fokus auf die Figuren und die Welt dahinter gewünscht. Mehr Entwicklung, mehr Einordnung, mehr von dem, was dieses System eigentlich zusammenhält.Am Ende bleibt für mich vor allem die Erkenntnis, wie viel Spaß dieses Buch gemacht hat. Es ist laut, chaotisch, stellenweise völlig drüber und einfach unfassbar unterhaltsam. Ein Roman, von dem ich nie erwartet hätte, dass er mich so packt und der mich gerade deshalb überrascht hat. Mein kleines nerdiges Herz ist jedenfalls längst gemeinsam mit Carl und Princess Donut in diesem Dungeon verschwunden und ehrlich gesagt kann ich es kaum erwarten zu sehen, welches Chaos die beiden in Band 2 erwartet.