
Am Hafen von Le Havre wird ein Mann tot aufgefunden. In der Jackentasche ein Kinoticket und auf dessen Rückseite ihre Telefonnummer. Sie erhält einen Anruf des ermittelnden Polizisten. Nur: Was soll sie - Synchronsprecherin in Paris, Mutter und Ehefrau - mit diesem ermordeten Mann in der 200 Kilometer entfernten Stadt zu tun haben?
Sie reist sofort nach Le Havre. Verlangt, die Leiche zu sehen. Angelangt in der Stadt ihrer Kindheit, begegnet sie unwillkürlich den Bildern ihrer Vergangenheit. Der Hafenkai, das Lichtspielhaus, jeder Ort trägt Spuren vergessener Episoden. Und immer mehr drängt sich ihr die Erinnerung an ihre erste verlorene Liebe auf. Was, wenn der Tote diese Jugendliebe ist, die damals von heute auf morgen wie vom Erdboden verschwunden war?
Ein mysteriöser Tod, eine Spurensuche an den Orten der Jugend und eine Hafenstadt, in der Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschwimmen. In ihrem literarischen psychologischen Thriller Brandung verwandelt Maylis de Kerangal einen Kriminalfall in einen Schauplatz innerlichen Aufruhrs und biografischer Erkundungen.
Besprechung vom 08.05.2026
Le Havre sehen und wiedererleben
Maylis de Kerangals Roman "Brandung" erzählt noch mehr von der Hafenstadt als von der Liebe
Der jüngste Roman "Jour de ressac" der französischen Schriftstellerin Maylis de Kerangal müsste auf Deutsch eigentlich "Tag der Brandung" heißen, denn es ist ein einziger Tag, der das Leben der namenlosen Icherzählerin wie in einer Brandungswelle hinwegspült. Sie lebt als doubleuse, als Synchronsprecherin für Film und Funk, mit Mann und erwachsener Tochter geruhsam in Paris, bis eines Tages ein Polizeiinspektor aus Le Havre anruft und sie für den Folgetag einbestellt: "Une affaire vous concernant" - eine Sache, die sie betreffe. Ein unbekannter Toter wurde an der Nordmole aufgefunden, mit nichts als ihrer Telefonnummer auf einer Kinokarte. Der Anruf zieht ihr den Boden unter den Füßen weg: "An meinem Ohr zerbrach die Zeit."
Le Havre an der rechten Seinemündung ist die Stadt ihrer Kindheit und Jugend, in der die Icherzählerin seit zwanzig Jahren nicht mehr war. Aber, wie ihr Mann bald feststellen wird: "Le Havre ist dein Problem." Es war die im Zweiten Weltkrieg am stärksten zerstörte Stadt Frankreichs; als letzte Nazi-Bastion wurde sie in einem Bombenhagel der Alliierten im September 1944 zu mehr als achtzig Prozent zerstört. 5000 Einwohner starben, 80.000 wurden obdachlos. Vom Bahnhof aus konnte man das Meer sehen. Nach dem Krieg wurde sie nach Plänen von Auguste Perret in moderner Architektur wiederaufgebaut und als Stadtensemble zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt, eine "Insel aus Beton und Wind". Die vielen zivilen Opfer waren der Kollateralschaden der Befreiung, drohten den Jubel über die Wiedervereinigung Frankreichs zu verderben und fanden deshalb keinen Eingang ins nationale Bewusstsein. Die Verursacher des Flächenbombardements galten als Befreier, die Einwohner der Stadt waren in einem kollektiven Trauma gefangen und mussten das folgende Jahrzehnt in Baracken auf einer Riesenbaustelle verbringen. Die "große Abwesenheit" hat man nach dem Krieg "mit Architektur aufgefüllt". Die neue Stadt "aus Sichtbeton und Licht" liegt einen Meter höher als die alte, "mit einem Brei aus menschlichen Dingen und Menschenstücken darin".
Wie unter der modernen Stadt das Sedimentgestein der alten liegt, so liegen unter der wohlgeordneten Bürgerwelt der Icherzählerin deren eigene Versteinerungen. Doch schon auf der Zugfahrt entlang der Seine von Paris über Rouen, Yvetot, Bréauté-Beuzeville nach Le Havre, die sie als Jugendliche Hunderte Male in beide Richtungen unternommen hat, kommen die Erinnerungen in Wellen hoch, dazwischen in Fragmenten die Sätze des Kommissars: "ein unbekannter Toter", "eine Sache, die Sie betrifft". Die Fotos, die man ihr zeigt, sagen ihr nichts, auch der Tote nicht. "Non, jamais vu ce type" - nie habe sie den Kerl gesehen, lautet ihre Reaktion. Bis sie hinabsteigt in ihre Vergangenheit und zum "Geheimagenten" der eigenen Geschichte wird.
Als sie die alten Wege geht und ins Kino, in dem der Tote an seinem letzten Abend war, werden Schicht für Schicht Erinnerungen freigelegt. Sie trifft ihren früheren Englischlehrer und denkt an einen Betrugsversuch bei einer Übersetzung von Marguerite Yourcenar. Da ist die Schwester einer Schulfreundin, mit der zusammen sie als Abschlussarbeit im Lycée ein Exposé über die Zerstörung der Stadt verfasst hat, indem sie eine Zeitzeugin interviewt und alles, was sie über die Zerstörung sonst fanden und hörten, aufgenommen und aufgeschrieben hatten.
Allmählich versteht sie, dass es ein Netz von Zeichen gibt, dass der Tote eine Botschaft für sie hat, und ganz allmählich, nachdem sie eine reale Welle am Strand überspült hat, wird sie überwältigt "von einer ganz alten Traurigkeit", taucht nach 115 Seiten, ziemlich genau in der Mitte der Handlung, das Bild eines jungen Mannes mit lockigem Haar auf, die Liebe eines Sommers, als sie sechzehn war, und der übers Meer entschwand mit ihrem Bandana um den Hals. Sie waren "the perfect duo". Ein Jahr lang wartete sie auf Nachricht, dann verkapselte sie ihren Schmerz in sich, zerriss sein Foto und legte sich wieder an den Strand. Nun ist sie sich nicht mehr sicher, ob diese Liebe real war oder sie sich ihre Gefühle nur eingebildet hat. Aber immer noch schaut sie zu lange aufs Meer.
Maylis de Kerangal ist die Tochter und Enkelin von Kapitänen und mit Le Havre besonders verbunden, weshalb sie auch dem Hafenbetrieb früherer Zeiten nachtrauert. Und die heutige Stadt mit ihrem industriellen Containerhafen und der modernen Skyline ist zudem ein Dreh- und Angelpunkt des internationalen Drogenhandels - ein Zusammenhang, den die Polizei im Roman bei ihren Recherchen betont. Gleichzeitig ist es der Ausgangspunkt für unzählige Fluchtversuche von Migranten über den Ärmelkanal. Diesem Le Havre hat schon Aki Kaurismäki in seinem beeindruckenden Film gleichen Namens ein Denkmal gesetzt. Auch de Kerengals Icherzählerin trifft auf zwei ukrainische Mädchen, die auf ein Visum für England warten. Deren Fluchterzählungen evozieren die Zerstörungsbilder von Mariupol, Charkiw, aber auch Gaza.
Mehr als die Jugendliebe jenes strahlenden Sommers ist Le Havre das zentrale Thema des Romans, der trotzdem das bisher persönlichste Buch der Autorin ist. Sie gibt keine intimen Details preis, aber zum ersten Mal sagt sie "ich". Dieses Ich wird als ein anderes ins Pariser Leben zurückkehren: Die Tochter wird ihr eigenes Leben leben und der schöne Beruf der doubleuse durch "multilinguale Sprachsynthesen" ersetzt werden. Die Brandung hat die Vergangenheit heraufgespült, aber vieles bleibt in der Schwebe, auch die Identität des toten Mannes am Strand.
Der Roman war in Frankreich ein großer Erfolg und hat es 2025 in die Endrunde des Prix Goncourt geschafft. Im deutschsprachigen Raum wäre der sympathischen Autorin mit ihren endlos langen Sätzen ein ähnlicher Erfolg zu wünschen. Der Suhrkamp-Verlag scheint allerdings vergessen zu haben, dass er schon seit über vierzig Jahren einen Titel namens "Brandung" im Programm hatte, auch das eine Geschichte von Liebe, Tod und Ozean. Martin Walser wäre sicher not amused gewesen über diese Doppelung. BARBARA VON MACHUI
Maylis de Kerangal: "Brandung". Roman.
Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026. 238 S., geb.
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