Sehr packend und vielschichtig aber manchmal etwas dick aufgetragen
Selten hat ein Cover so über den Inhalt hinweg getäuscht. Und dass eine Autorin eng mit einer Thematik verbunden ist, hat man in dieser Form auch nicht so oft. Melanie Levensohn war Sprecherin der WHO und Pressereferentin der Weltbank. In erster Funktion war sie oft in Krisengebieten auf der Welt unterwegs. Das macht diesen Roman sehr authentisch.Johanna arbeitet für die UNO. Sie wird zur Koordination von humanitären Hilfen weltweit in Gebiete eingesetzt, die oft von Krieg bedroht oder zerstört wurden. Sie ist für ihren Arbeitgeber unentbehrlich, und das merken auch ihr Mann und ihre Tochter Elsa. Die Mutter ist selten zu Hause und wenn sie dann doch müde und erschöpft wiederkommt, hat sie mit Jetlag und Depressionen zu kämpfen. Nach und nach zerstört das nicht nur ihre Ehe, sondern auch die Beziehung zu ihrem Kind. Dabei wissen beide noch nicht mal von Johannas größtem Geheimnis.Elsa scheint als erwachsene Frau in die Fußstapfen ihrer Mutter zu treten. Sie wird Strafverteidigerin beim internationalen Gerichtshof in Den Haag. Nach einem Zusammenbruch reist sie nach Sankt Goar, wo ihre Mutter das Haus der kürzlich verstorbenen und sehr geliebten Tante Toni renoviert. Es beginnt eine Auseinandersetzung zwischen Mutter und Tochter, die an den Nerven zerrt und manch Unausgesprochenes offen legtLange wurde ich nicht mehr in eine Geschichte so reingezogen wie in diese. Die über 400 Seiten habe ich an zwei Tagen weggesuchtet - ich hab es als Hörbuch gehört, indem die zwei Perspektiven von unterschiedlichen Sprecherinnen interpretiert wurden. Die wechselnden Erzählstimmen , die unterschiedlichen Zeitebenen und authentischen Schauplätze waren so lebhaft beschrieben, dass ich nicht aufhören konnte. Ich musste einfach wissen, wie es weitergeht. Die Konfliktgespräche zwischen Mutter und Tochter fand ich auch sehr nah an der Realität. Elsa kam mir zwar meist pubertär rüber, denn ich hätte einer Anfang 30-jährigen Anwältin mehr Sachlichkeit zu getraut, doch wenn ich recht überlege, führen Familienprobleme, die nicht aufgearbeitet wurden oft auch im wahren Leben zu unangemessenem Verhalten. Natürlich bedeutet das nicht, dass ich die Reaktionen von Johanna immer gutheißen konnte, doch ich konnte die Leidenschaft für ihren Job, die sofort ein schlechtes Gewissen nach sich zog, weil sie die Mutterrolle nicht mehr so erfüllen konnte, wie ihr Kind es gebraucht hätte, nachvollziehen. Solche Situationen gibt es, und mir kamen reale Personen in den Kopf, wie zum Beispiel Annalena Baerbock, ohne mir jetzt anmaßen zu wollen, dass ich weiß wie ihr Privatleben abläuft. Ich stelle es mir aber unmöglich vor alles unter einen Hut zu kriegen. Auch die Rolle der Alex Levy in "The Morning Show", gespielt von Jennifer Aniston hat Parallelen zu Johanna. Es ist jedoch oft die Unentschlossenheit und das schlechte Gewissen, die das Selbstwertgefühl in so einem komplizierten Job noch schlimmer machen. Den meisten Männern wäre das wahrscheinlich egal.Die Rückblicke in die Krisenherde der vergangenen Jahrzehnte waren mega interessant. Wir können ja davon ausgehen, dass sehr vieles genauso ist. Das Geheimnis, dass Johanna mit sich rum schleppt möchte ich nicht spoilern, aber es hat mich auf einigen Ebenen sehr berührt. Auch die Wendungen im Plot, die unterschiedlichen Ereignisse, die zum Ende hin einen Sinn geben waren logisch erzählt. Bis auf eine Stelle, die dazu führten, dass es kein 5 Sterne Highlight wurde. Johanna agiert einmal so unpassend naiv was im Endeeffekt dazu führt, dass sie sehr unglücklich wird. Ich wusste, wie das ausgehen würde, und dachte mir nur, das kann jetzt nicht dein Ernst sein, dass du das verlangst?! Das passte nicht zu dieser professionellen Frau, die auf der ganzen Welt Krisen managed.Außerdem neigt die Autorin hin und wieder dazu ein bisschen zu dick aufzutragen. Das wird besonders zum Ende hin sehr deutlich. Man hätte an vielen Stellen einen Cut setzen können damit es ein durch und durch hervorragendes Werk wird. Aber als eigentlich alles gesagt ist und man hätte schließen können, setzt sie noch einen drauf. Vieles, was Dramatik erzeugen soll, hätte es nicht gebraucht, um zu unterstreichen wie tragisch etwas enden kann. Das war stellenweise too much drama.Insgesamt ist es aber eine packende Lektüre, die einen nicht so schnell loslässt und die mich sehr mitgenommen hat. Ich hab mir immer wieder vorgestellt, wie Hollywood das verfilmen würde. Es hat alles was ein Blockbuster braucht. Ich empfehle euch diesen Roman, wenn ihr konfliktbeladene Familiengeschichten mögt, die an außergewöhnlichen Schauplätzen spielen und eine Balance zwischen heftigen Szenarien und Rheinidyll gut aushalten könnt.