Von diesem monumentalen Werk geht ein Sog aus, dem man sich nur schwer entziehen kann ...
Dieses Buch ist schwerlich in Etappen zu lesen. Zum einen braucht es eine gewisse Zeit, bis man den Akteuren in ihren wechselzeitigen Beziehungen problemlos folgen kann. Zum anderen geht von diesem monumentalen Werk ein Sog aus, dem man sich nur schwer entziehen kann.Wie schon in der Vorgängerromanen "Das achte Leben (für Brilka)" und "Die Katze und der General" werden hier persönliche Beziehungen/Freundschaften in Verbindung mit historischen Ereignissen so elementar verknüpft, dass man beim Lesen nicht nur mitfühlen, mitleiden, mitzittern kann, sondern gleichzeitig einen Einblick in die dunklen Jahre einer ganzen Nation (Georgien) erhält. Insofern erhält hier der Titel des Romans "Das mangelnde Licht" eine zusätzliche Bedeutung.Die eigentliche Bedeutung dieses Titels erschließt sich allerdings erst ziemlich zum Schluss dieser furiosen Geschichte, in der die ganze Bandbreite der Gewalt sowohl in physischer wie psychischer Hinsicht abgebildet wird, aufgehellt durch einige hoffnungsgebende Verbindungen. Einer Geschichte, in der eine Frauen-Freundschaft von teils brutalen Ereignissen immer wieder auf die Probe gestellt wird, nicht zuletzt verursacht durch Männer, die falschen Idealen oder angenommenen Klischees aufgesessen sind, in denen die (mögliche) Schande eine entscheidendere Rolle spielt als die Liebe. Die Erzählweise ist dazu angetan, sich in die einzelnen Personen einzufühlen, oft mit großer Zuneigung, oft aber auch mit großem Abscheu. Dieser Dualismus ist ein Hauptmerkmal dieses Romans. Es ist die Ausarbeitung dieser Gegensätze, die es dem Leser erlauben, hier seine eigenen Gedanken und Lebensentwürfe unterzubringen; es gibt mit Sicherheit ähnliche Erfahrungen oder Parallelen zum eigenen Leben. Und man wird immer wieder mit Sätzen belohnt, die innehalten lassen, da sie nicht nur schön klingen, sondern eine weiten Fantasieraum öffnen: "Es war ein feuchter Tag, die Bäume schienen sich ihrer Nacktheit zu schämen und der Freiheitsplatz lag leer und grau vor uns wie ein ausgepacktes, ungewolltes Geschenk."Was diesen Roman überdies auszeichnet, sind die erschreckenden Parallelen zum jetzigen Ukraine-Krieg. (Auf die ich allerdings gerne verzichtet hätte ...)(23.3.2022)