Samantha Sotto Yambaos Roman Water Moon betritt man wie einen geheimen Garten: an der Schwelle noch das Ramen-Restaurant einer Tokyoter Nebenstraße, dahinter plötzlich eine Pfandleihe für das schwerste Gut, das Menschen mit sich tragen, ihre Reue. Ein solches Setting ist verheißungsvoll, und es genügt zunächst, um den Leser in den Bann zu ziehen. Hier sitzt Toshio Ishikawa, jahrzehntelang Sammler fremder Entscheidungen, deren Last er den Kunden abnimmt, bis er selbst verschwindet und seine Tochter Hana unvermittelt mit einem zerstörten Laden und einem gestohlenen Geheimnis dasteht. An ihrer Seite tritt der Physiker Keishin auf, der sich weniger als Kunde denn als Komplize erweist.Yambao versteht es, eine imaginative Bildwelt zu entwerfen, die mühelos in die Tradition japanischer Animationskunst gestellt werden kann. Kerzen, die Gebete bewahren, Vögel, in die Bedauern gerinnen, Teiche, die als Durchgang in andere Welten dienen: all dies entwickelt eine visuelle Wucht, die an Traumlandschaften erinnert. Manchmal wirkt es, als habe die Autorin ihre Einfälle wie funkelnde Splitter verstreut, ohne sie immer organisch zusammenzufügen. Gerade gegen Ende verliert der Text an Geschlossenheit, er taumelt mehr von Szene zu Szene, als dass er konsequent erzählt.Die Figurenzeichnung zeigt ein ähnliches Doppelgesicht. Hana überzeugt als junge Frau, die das Erbe ihres Vaters und die Schatten der Vergangenheit zugleich schultern muss. Keishin hingegen bleibt merkwürdig blass, seine Rolle als naturwissenschaftlicher Gegenpol zur metaphysischen Welt der Ishikawas wird eher behauptet als überzeugend gestaltet. Die Beziehung zwischen beiden entwickelt sich mit einer Geschwindigkeit, die literarisch wenig plausibel wirkt, zumal die Dialoge häufig eine pathetische Schwere tragen, die nicht recht zu erwachsenen Figuren passen will.Und doch entfaltet Water Moon eine Anziehungskraft, der man sich nur schwer entzieht. Es ist nicht die Logik, die trägt, sondern die Atmosphäre. Yambao interessiert sich weniger für narrative Disziplin als für poetische Erfahrung, für das Gefühl, eine Schwelle überschritten zu haben, hinter der andere Gesetze gelten. Wer bereit ist, diese erzählerische Freiheit hinzunehmen, entdeckt eine Meditation über die Last von Entscheidungen, über die Macht der Reue, über die Möglichkeit des Neubeginns.So bleibt am Ende ein Buch, das zugleich fasziniert und irritiert. In seiner überbordenden Bildkraft vermag es zu bezaubern, in seiner formalen Unausgeglichenheit enttäuscht es. Die Verheißung eines modernen Märchens wird nicht immer eingelöst, doch die Momente, in denen Yambao den Traum mit der Klarheit philosophischer Reflexion verbindet, gehören zweifellos zum Schönsten, was die jüngere phantastische Literatur hervorgebracht hat.