Eines der Bücher die mich in den letzten Jahren nachhaltig beeindruckt haben, war Ta-Nehisi Coates Essaysammlung "We were eight years in power - Eine amerikanische Tragödie"; acht Texte aus der und über die Zeit der Obama-Präsidentschaft. Ich hatte das Gefühl einige Aspekte der schizophrenen US-Gesellschaft endlich verstanden zu haben; oder, besser gesagt: verstanden zu haben, was dort schieflief und warum trotzdem niemand etwas tat.Für mich stand nach der Lektüre fest, dass Coates zu den Schriftsteller*innen gehört, von denen ich alles lesen will. Also besorgte ich mir den Roman "Der Wassertänzer" - und der Stil darin überraschte mich. Ich hatte mit einer klaren, relativ schnörkellosen Sprache gerechnet, aber Coates legte einen ganz anderen Ton an den Tag, als in seinen Essays: filigraner, vielfältiger. Was zu einem Roman auch viel besser passt.Erzählt wird die Geschichte von Hiram Walker, einem Sklavenjungen, der allerdings auch der Sohn des Besitzers der Plantage ist, auf der er aufwächst. Von Anfang sitzt er somit zwischen Stühlen, bewegt sich zwischen den Welten der Weißen und Schwarzen. Er besitzt ein fotographisches Gedächtnis (eine starke Metapher in diesem Kontext, nach dem Motto: gegen das Vergessen) und, wie sich später herausstellt, auch einige weitere, nahezu übernatürliche besondere Fähigkeiten. Mit diesen wird er, nach seiner Flucht von der Plantage, zu einer wichtigen Figur im Underground der Anti-Sklaverei-Bewegung ...Coates Roman ist ein fesselndes, differenziertes Werk, das gut die Balance hält zwischen historischen und phantastischen Elementen. Vor allem gelingen ihm plastische Figuren, die einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Viele Motive lassen sich auch als übergreifende Metaphern interpretieren und der Romankosmos hat, gegen Ende, in vielerlei Hinsicht die Wucht einer Saga oder Legende. Ein sehr lesenswertes Buch auf jeden Fall!