
Besprechung vom 29.11.2025
Mit einem Schuss in zwei Herzen getroffen
Sehr oft sind es ganz persönliche Erlebnisse, die Andersens Gedichten, Märchen oder Romanen zugrunde liegen, changierend zwischen Wahrheit, Illusion, sozial- und zeitkritischen Beobachtungen. Das vorliegende Gedicht könnte auf einem Kindheitserlebnis mit traumatischen Folgen basieren. Was war geschehen? Napoleon hatte dänischen Herzogtümern vertraglich zugesichert, zur Überwachung der Kontinentalsperre gegen England französische Truppen, verstärkt durch spanische, bereitzustellen. Um der Eiseskälte des Winters 1813 und dem zu erwartenden Schlachtengemetzel zu entgehen, versuchten einige spanische Soldaten ins Feindesland überzusetzen. Andersen war gerade acht Jahre alt, als er zufällig dazukam, wie einer der Fahnenflüchtigen "auf der Insel Fünen zum Richtplatz geführt wurde, um erschossen zu werden", wie Fritz Meichner schreibt.
Dieses Ereignis bildet wohl die Folie für das viel dramatischere Prozedere, welches das balladeske Gedicht "Der Soldat" peu à peu aufrollt und Berichterstatter wie auch Leser erschüttert zurücklässt. Hier schildert das lyrische Ich eine derartige Hinrichtung, der es jedoch nicht zufällig beiwohnt, sondern die es erzwungenermaßen mitverantwortet; schließlich handelt es sich um einen militärdienstlich verfügten Befehl. Der Soldat eröffnet seinen Bericht mit der Zusicherung, "in der Welt" nur einen, "nur ihn" geliebt zu haben und sein Leben nur in ihm, dem einzig Geliebten, erfüllt zu sehen.
Eingangs ist an keine Erschießung zu denken, wir hören nur den soldatischen Marschrhythmus, der den "langen" Weg zu einer wie auch immer gearteten "Stätte" begleitet. Doch was dann passiert, ist an Grausamkeit kaum zu überbieten; denn das folgende Geschehen schildert die totale Verweigerung all dessen, was dem Liebenden das Weiterleben lebenswert macht, zwingt es ihn doch, töten zu müssen, was ihn als Menschen definiert. Heinrich Detering hat dieses Momentum erotisch aufgeladen und schreibt: "Der liebende Freund muss den geliebten Freund hinrichten, einfach, ohne Angabe weiterer Gründe als eben den einen der Liebe selbst: als sei eine körperliche Erfüllung der Liebe hier anders gar nicht denkbar als im Tötungsakt."
Der Erzählvorgang erinnert an einen der über tausend Scherenschnitte, die Andersen im Laufe seines Lebens anfertigte; sie entwickelten "ähnlich wie seine experimentierfreudigen Märchen aus einem trügerisch dekorativen Formen- und Figurenarsenal heraus surreale Motivkombinationen, die nicht selten auf eine verstörende Weise das Niedliche mit dem Makabren mischen" (Detering). Dieser Scherenschnitt zeigt zwei Männer, die an einem Doppelgalgen baumeln: Während einer von ihnen ein kleines Herz in der Hand, hält, ist dem anderen das seine im Todeskampf zu Boden gefallen. Als Andersen diese Silhouette erstellte, versah er sie mit folgenden, auf Deutsch verfassten Versen: "Finstre Grillen, auf, entflieht! / Sonnenschein ist morgen / Kurz ist unsres Lebens Lied /kaum so lang wie Sorgen!" (entstanden bei seinem Aufenthalt auf Gut Maxen bei Dresden am 30. Juli 1856).
Sowohl der dargestellten Szene wie auch den ihr zugeeigneten Versen wohnt eine tiefe Wehmut inne; des "Lebens Lied", das Andersen hier besingt, erfährt im Kontext der Gedichthandlung seine bittertragische Zuspitzung, welche Bild- und Tongebung einerseits kontrapunktieren, andererseits verschärfen: Da trifft das himmelwärts gerichtete Auge des Verurteilten "zum letztenmal in Gottes Sonne freudigen Strahl", während das der Erschießung vorausgehende Ritual "bei gedämpfter Trommeln Klang" und "bei klingendem Spiel" der paradierenden Kompanie abläuft.
Und zuallerletzt sind es nicht die acht Kommandanten, die "wohl angelegt" den tödlichen Schuss abgeben - angeblich haben "alle" ihre Kugeln, zitternd "vor Jammer und Schmerz", "vorbeigefegt" -, sondern allein er, der neunte, der Liebende, er allein zielt: "ich aber" - und dieses "aber" bedeutet das Todesurteil für beide: den Getöteten und den Tötenden: "ich aber, ich traf ihn mitten ins Herz".
Nun, jedem Leser dürfte klar sein, dass bei einem derartigen Erschießungskommando keiner der aktiv Beteiligten weiß, wer den tödlichen Schuss abgegeben hat, das ist ja letztlich der Sinn einer solchen Inszenierung. Doch hier sprechen keine Fakten, hier spricht der Liebende, der mit seinem Schuss das Herz des Geliebten tödlich getroffen hat und damit unweigerlich auch sein eigenes.
Dass ich für die Übersetzung des Gedichtes den Chamisso-Text gewählt habe, hat Gründe; denn als Andersen 1831 bei seiner ersten Deutschlandreise in Berlin Station macht, wendet er sich mit einem Empfehlungsschreiben an Adelbert von Chamisso, da dieser "dänisch lesen" kann; zudem wird er ihn in die renommierte Berliner Literarische Gesellschaft einführen. Chamisso ist es auch, der vier Andersen-Gedichte relativ frei übersetzt und 1832 unter dem Sammeltitel "Nach dem Dänischen von Andersen" seiner Gedichtsammlung eingefügt und veröffentlicht hat. Kein Geringerer als Robert Schumann greift zur zweiten Auflage derselben, ist begeistert und vertont sie im Jahr 1840 "für eine Singstimme und Klavier", darunter eben auch das Lied vom Soldaten (op. 40, Nr. 3).
Adelbert von Chamisso: "Sämtliche Werke in zwei Bänden". Hanser Verlag, München 1982. Vergriffen.
Ute Jung-Kaiser hat zuletzt herausgegeben: "die heilige Perle der Kunst" - Hans Christian Andersens Poesie in Wort, Bild und Ton. Georg Olms Verlag, Baden-Baden 2025. 346 S., br.
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