
Dem Menschen hat seine nackte Wirklichkeit noch nie genügt. Schon immer hat er versucht, sein wahres Antlitz selbst zu gestalten. Zwölf bedeutende, wirkungsgeschichtlich herausragende Versuche werden vom Verfasser kritisch durchdacht. Dabei folgt er einem Leitmotiv, dass nämlich Menschen seit Anbeginn ihre eigene Stellung auf der Welt bestimmt haben, indem sie eine höhere Macht angenommen, Gott und Götter erfunden haben. Grundlegende Fragen wie die nach Sein und Nichts, Zeitlichkeit und Sterblichkeit, Gut und Böse, menschlicher Vernunft und einem gelingenden Leben waren stets eng verbunden mit dem Mensch-Gott-Verhältnis, wie es jeweils geglaubt wurde.
Besprechung vom 30.12.2025
Was wir liebten, ist ein Schatten nur
Der Philosoph Rainer Marten widmet sich verständnisvoll dem Bedürfnis des Menschen nach Religion und Verklärung
"Die Erfindung des Menschen" kann eine Erfindung meinen, die der Mensch macht, aber auch die Behauptung zum Ausdruck bringen, der Mensch sei erfunden worden. Da es sich um den Titel eines Buches handelt, das aus der Feder eines Philosophen stammt, darf man beinahe sicher sein, dass beide von der Grammatik des Genitivs angebotenen Lesarten im Spiel sind. Und tatsächlich wird, wer das neue Werk von Rainer Marten entsprechend erwartungsfroh aufschlägt, sogleich bestätigt. Dessen allererster Satz lautet: "Der Mensch hat den Gott gemacht, der den Menschen gemacht hat." Der Auftakt, an Feuerbach erinnernd, in seiner Diktion charakteristisch für Buch und Autor, stellt die leitende These konzis vor: Gott sei eine Erfindung des Menschen, und mit dieser Erfindung erfinde der Mensch sich selbst - sich als eine mit einem übermenschlichen Wesen verbundene, ja von ihm stammende Kreatur.
Religionskritik gerät bisweilen etwas plump, besonders dann, wenn sie auf eine Entlarvung von angeblich falschen Bedürfnissen zielt. Zu dieser Sorte Literatur zählt Martens Abhandlung nicht. Zwar stellt der Autor die "Gotteserfinder" - ein abendländischer "Verbund" von Philosophen und Theologen - mit einem Hauch heiligen Zorns vor das "Gericht des Humanum"; zwar lässt er einen Reigen von "Gestaltungen der Erfindung des Menschen", vom Gotteskind über den Reinen bis zum Sünder, als zwielichtige, unmenschliche Gestalten Revue passieren. Aber er gesteht den Erfindern und denen, die den Erfindern Glauben schenken, ein Bedürfnis zu, das sie mit allen Menschen teilen würden: ein "Verklärungsbedürfnis".
Die einen befriedigten es, indem sie "lebensförderliche Entlastung" bei einem höheren Wesen suchten, für dessen Imagination sie freilich letztlich selbst die - insoweit schöpferische - Verantwortung trügen, ob ihnen das bewusst sei oder nicht. Die anderen fänden in den schönen Künsten "hinreichend Möglichkeiten, sich inspirieren zu lassen". Überdies und vor allem gebe die Liebe den Liebenden Gelegenheit, "schöpferisch mitzuschaffen" an einer Verklärung des menschlichen Lebens. Wer Kunst und Liebe hat, der hat etwas Besseres als Religion - wäre das die Quintessenz? Als Bild des Gelingens einer "Erfindung des Menschen der anderen Art" steht Marten, der vor einigen Jahren ein "Lob der Zweiheit" verfasst hat, immerhin eine Schrift des Alten Testaments vor Augen: das Hohelied. Doch diese hochpoetische Lobpreisung erotischer Liebe und menschlicher Schönheit, darauf legt er Wert, hat keinen Gott nötig.
Die Annahme eines zur Grundausstattung des Menschen gehörenden, insoweit echten Verklärungsbedürfnisses schließt offenkundig ein, dass es falsch befriedigt werden kann. Für Marten ist das - zusammenfassend gesagt - dann der Fall, wenn Menschen sich in Illusionen einspinnen, die sie ihre Endlichkeit und Vergänglichkeit vergessen oder gering schätzen lassen. Somit kommt ein religiöser Glaube, der sich mit der Vorstellung eines wie auch immer gearteten ewigen Lebens verbindet, als Mittel der erwünschten, menschengemäßen Verklärungsbedürfnisbefriedigung im Grunde gar nicht erst infrage - es sei denn, ein solcher Glaube brächte das Kunststück fertig, die heiligen Schriften, aus denen er sich speist, nur deswegen heilig zu halten, weil sie Dokumente der Dichtkunst, Manifestationen eines sozusagen rein menschlichen Verklärungsvermögens sind (der Autor spricht von "Mythopoietik"). Das liefe auf ein Glauben ohne Glaube hinaus.
Marten stuft den geschichtsmächtig gewordenen religiösen Glauben (des Christentums), obwohl er ein Vehikel der Selbsttäuschung sei, als "Höchstvermögen des Menschen" ein, als ein allerdings "höchst diffiziles" Vermögen, das Unmögliches möglich zu machen versuche. Was er der Selbsttäuschung entgegensetzt, ist seinerseits indes durchaus delikat, grenzt an eine Unmöglichkeit. Die Aufklärung des Menschen über sich selbst, der sich der inzwischen siebenundneunzigjährige Philosoph verschrieben hat, soll - so die programmatische Ankündigung - "erhellen", aber "nicht entzaubern"; in umgekehrter Blickrichtung: verklären, aber nicht verdunkeln.
Eine dunkle Macht aber bildet, bei aller Verklärung der Liebe, das Gravitationszentrum dieses Aufklärungsprogramms: der Tod. Der Philosophie seines Lehrers Martin Heidegger, die er vehement wie kaum ein zweiter ihrer Ideologieanfälligkeit wegen kritisiert hat, bleibt Rainer Marten mindestens in diesem Punkt nahe. Den Stachel des Todes will er sich nicht nehmen lassen, von keiner verheißenen Auferstehung, von keinem Trost. Er feiert den Tod geradezu, nennt ihn ein "Stimulans", gar einen "Schatz", er bejaht die Vergänglichkeit als den "Stachel, der das Leben aufweckt und zu sich selbst bringt" und uns dazu, das eigene Leben "ernst zu nehmen". - Nimmt der Tod als Lebensnerv den Platz ein, den der erfundene Gott frei machen muss? UWE JUSTUS WENZEL
Rainer Marten: "Die Erfindung des Menschen". Eine Zwischenbilanz.
Karl Alber Verlag, Baden-Baden 2025. 249 S., br.
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