
Besprechung vom 20.04.2026
Goethe und die Inflation
Die Sicht von Dichtung und Geisteswissenschaft
Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist selten intensiv und überspringt meist nur die Fachgrenzen ohnehin eng verwandter Fächer. Das ist hier ganz anders, wo die Grenze zwischen Dichtung und deren geisteswissenschaftlicher Interpretation einerseits und Ökonomik anderseits überwunden wird. Der vorliegende Sammelband beruht vorwiegend auf Beiträgen zu einer Konferenz der Internationalen Faust-Gesellschaft zum hundertsten Jahrestag der Hyperinflation von 1923. Während der Lektüre des Buches hat man als Sozialwissenschaftler bis weit in die zweite Hälfte des Buches hinein den Eindruck, geisteswissenschaftliche und nicht etwa ökonomische Texte zu lesen. Denn es geht vorwiegend um die Interpretation oder den historischen Hintergrund von Goethes "Faust".
So wie die mittelalterlichen Alchemisten aus fast wertlosen Stoffen Gold herstellen wollten, wollen auch Faust und Mephisto in Goethes Werk Wunder wirken, was ihnen auch vorübergehend gelingt. Geldschöpfung aus dem Nichts bewirkt im Text zunächst ein Wirtschaftswunder im Kaiserreich, das aber nach Verflüchtigung der Reichtumsillusion in einer inflationären Krise wieder verschwindet. Die Hoffnung auf Wohlstand ohne Anstrengung und Leistung lebt in Dichtung und Realität, in Vergangenheit und Gegenwart, gleichermaßen.
Der Erste, der die mangelnde Deckung des Geldes erkennt, ist bezeichnenderweise der Hofnarr, der rechtzeitig das Geld in den Erwerb von Grund, also realen Werten, investiert. Die großen Projekte am Ende des "Faust" vermitteln sogar schon eine Vorahnung der später tatsächlich verwirklichten Planwirtschaften. Das sind alles dem Ökonomen vertraute Themen, nur etwas ungewöhnlich in der Sprache des Dichters und nicht als Gesetzmäßigkeiten formuliert. Goethe hatte offensichtlich einen Überblick über das Wirtschaftsgeschehen seiner Zeit und vor allem die Experimente mit Papiergeld nach der Französischen Revolution. Der "Faust" ist nicht nur das Werk eines Dichters, sondern das eines der letzten Universalgelehrten. Der geisteswissenschaftlich anmutende Text stammt tatsächlich von einem Geisteswissenschaftler, nämlich Michael Jaeger, der andere aber von einem Ökonomen, der noch dazu auch einen mathematischen Hintergrund hat, nämlich Marco Lehmann-Waffenschmidt. Sein Text endet mit langen Überlegungen zu menschlichen Sehnsüchten und deren Ausnutzung in der Werbung.
Bei Mathias Binswanger steht nicht mehr die Geldschöpfung durch Faust und Mephisto, sondern deren unternehmerische Leistung im zweiten Teil des "Faust" im Mittelpunkt. Der Text ist vorwiegend ökonomischer und nicht mehr geisteswissenschaftlicher Natur. Binswanger vertritt zwei interessante, aber kontroverse Thesen. Nach ihm ist Kreditgeldschöpfung aus dem Nichts notwendig, damit über die Ersparnis hinaus investiert und Wachstum erzeugt werden kann. Für ihn ist das leicht vermehrbare Papiergeld neben der Erfindung von Maschinen ein Wachstumstreiber. Für ihn ist Wachstumszwang ein Merkmal unserer Wirtschaftsordnung, wobei er aus ökologischen Gründen mit Mephistos Bewertung "auf Vernichtung läuft es hinaus" sympathisiert.
Bei den folgenden drei Beiträgen ist der Bezug zum "Faust" dünner. Jasmin Rutscher beschäftigt sich mit der geldpolitischen Kommunikation der EZB und weist darauf hin, dass die vom Verschuldungsproblem der Staaten eher ablenkt, als den Ernst der Lage hervorzuheben. Karl-Friedrich Israel und Gunther Schnabl diskutieren Probleme der Inflationserfassung. Sie weisen unter anderem darauf hin, dass man bei Berücksichtigung der Preise von selbst genutztem Wohneigentum, Aktien und Steuern zu einer Inflationsmessung kommen kann, die sich der gefühlten Inflation der Menschen besser als die üblichen Maße annähert. Das ist ein hervorragender Text, der allerdings keinen Bezug zu anderen Texten im Sammelband hat. Besser gepasst hätte ein Kommentar beider Autoren zu Binswanger. Es wäre verwunderlich, wenn sie sich dessen Auffassungen hätten anschließen können. In sich schlüssig, aber fast ohne Bezug zu "Faust" oder den anderen Beiträgen sind auch Israels Verweise auf die Förderung der Ungleichheit und die Destabilisierung der Gesellschaft durch Inflation. Während die eng an Goethes Text angelehnten Beiträge von Jaeger und Lehmann-Waffenschmidt das Problem der Entgrenzung philosophisch distanziert und als Erinnerung an das angehen, was Menschen nicht erreichen können, betrachtet der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe die Entgrenzungsversuche der Menschen im Zuge der Industrialisierung und Durchsetzung des Kapitalismus als Erfolgsgeschichte. Man kann und sollte vielleicht diese unterschiedlichen Perspektiven als Ergänzungen betrachten.
Für den Rezensenten wirft der Sammelband die Frage auf, was Dichtung und Geisteswissenschaft für den Ökonomen oder Sozialwissenschaftler bedeuten können und sollen. Handelt es sich um noch vorläufigeres Wissen als unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse? Um Formen impliziten Wissens im Sinne Hayeks? Oder vor allem um Erinnerungen an die Grenzen unseres Wissens? Offensichtlich ist der Sammelband nicht für jedermann geeignet: weder für reine Geisteswissenschaftler noch für reine Ökonomen. Man muss schon über den eigenen Tellerrand hinausblicken wollen. ERICH WEEDE
Michael Jaeger und Marco Lehmann- Waffenschmidt (Hrsg.): Goethes Faust und die Geldschöpfung aus dem Nichts. Das Phänomen der Inflation in interdisziplinärer Perspektive. Königshausen und Neumann, Würzburg 2025, 486 Seiten
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