Guter Klassiker
Ich habe jetzt endlich "Der talentierte Mr. Ripley" von Patricia Highsmith gelesen - so ein Klassiker, von dem man immer hört "den musst du irgendwann mal gelesen haben". Und ja: stimmt tatsächlich.Was mich am meisten überrascht hat: wie sehr man auf einmal mit einem Kriminellen mitfiebert. Tom Ripley ist objektiv ein furchtbarer Mensch - manipulativ, neidisch, feige, moralisch völlig flexibel - und trotzdem ertappt man sich ständig dabei, dass man hofft, er kommt durch. Highsmith schreibt das psychologisch so geschickt, dass man weniger eine Krimihandlung liest als eine Art Gedankenprotokoll eines Menschen, der Schritt für Schritt immer weiter geht, weil es plötzlich keinen Weg mehr zurück gibt. Gerade diese innere Spannung macht das Buch so stark.Außerdem ist das Italien-Setting richtig atmosphärisch. Sonne, Meer, Aperitivo-Gefühl - und darunter permanent diese unterschwellige Bedrohung. Das funktioniert erstaunlich gut zusammen.Nur gegen Ende hatte ich persönlich ein paar kleinere Längen. Da dreht sich manches gedanklich ein bisschen im Kreis und ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr ganz so durch die Seiten geflogen bin wie im Mittelteil. Aber ehrlich: Das ist Meckern auf hohem Niveau.Insgesamt: Ein Klassiker, der seinen Ruf verdient. Kein actionreicher Krimi, sondern ein extrem spannendes Psychoporträt - und wahrscheinlich eines der wenigen Bücher, bei dem man sich dabei ertappt, einem Mörder wirklich die Daumen zu drücken.