Das Hörbuch "Was vom Leben bleibt" aus der Feder von Insa Ritterhoff wird gelesen von Hildegard Meier, Wolfgang Wagner, Marian Funk, Chris Nonnast und Esther Brandt. Es geht im Buch um Verlust, Einsamkeit, Familie - und um die Frage, ob ein Neuanfang auch im hohen Alter noch möglich ist.
Die Sprecherwahl ist für dieses Hörbuch ein großer Gewinn. Durch die vielen verschiedenen Stimmen lassen sich die zahlreichen Charaktere sehr gut voneinander unterscheiden. Besonders positiv fällt auf, dass jede Stimme gut zur jeweiligen Figur passt und deren Persönlichkeit unterstreicht. Die Perspektivwechsel werden namentlich angekündigt und zusätzlich durch andere Sprecher getragen, wodurch man als Hörer/in nie den Überblick verliert. Für mich hat gerade diese Vielfalt das Hörbuch sehr lebendig gemacht.
Der Erzählfluss ist ruhig, gleichmäßig und sehr angenehm. Die Geschichte nimmt sich Zeit passend zu den Lebensphasen der Protagonisten. Kurze Kapitel und klare Perspektivwechsel sorgen dafür, dass trotz des ruhigen Tempos keine Langeweile aufkommt. Vielmehr entsteht ein gleichmäßiger, fast sanfter Sog, der zum Weiterhören einlädt.
Kurz zum Inhalt: Im Mittelpunkt stehen Elsa und Hannes, zwei ältere Menschen, die beide den Verlust ihres Ehepartners verkraften müssen. Elsa zieht nach dem Tod ihres Mannes in ein betreutes Wohnen in Lübeck, in die Nähe ihres Sohnes Lars. Der Neuanfang fällt ihr schwer, Einsamkeit und Trauer bestimmen ihren Alltag. Auch Hannes ist allein. Seine Frau Inge ist verstorben, seine drei erwachsenen Töchter Simone, Kerstin und Birthe leben ihr eigenes Leben. Halt findet Hannes vor allem in der Routine und bei seinem Pfleger Sascha. Als Elsa und Hannes sich zufällig begegnen, entsteht zunächst vorsichtig, dann immer spürbarer eine Verbindung. Zwei verletzte Seelen beginnen, sich einander anzunähern leise und zaghaft.
Insa Ritterhoff schreibt ruhig, klar und sehr einfühlsam. Ihr Stil ist unaufgeregt, beinahe zurückhaltend, und genau darin liegt seine Stärke. Sie konzentriert sich auf Gefühle, Gedanken und kleine Gesten. Im Mittelpunkt stehen Themen wie Einsamkeit im Alter, familiäre Beziehungen, Verlust, Würde und Hoffnung. Es geht ihr weniger um dramatische Handlung als um die innere Entwicklung ihrer Figuren.
Der Roman ist in der Ich-Perspektive geschrieben, wobei die Perspektive wechselt. Hauptsächlich erleben wir die Geschichte aus der Sicht von Elsa und Hannes. Die Perspektivwechsel sind klar gekennzeichnet und machen es leicht, sich auf die jeweilige Gedankenwelt einzulassen. Die Handlung spielt überwiegend in der Gegenwart, ergänzt durch Erinnerungen an frühere Lebensabschnitte, die die Figuren und ihre Entscheidungen verständlicher machen.
Elsa und Hannes sind fein gezeichnete, glaubwürdige Figuren. Beide beginnen die Geschichte verschlossen und resigniert, geprägt von Verlust und Enttäuschung. Im Laufe des Romans öffnen sie sich langsam wieder dem Leben. Auch die Nebenfiguren etwa Pfleger Sascha oder Hannes Kinder tragen zur Tiefe der Geschichte bei und zeigen unterschiedliche Generationen und Sichtweisen. Besonders schön ist die Entwicklung von Elsa und Hannes, die beweist, dass emotionale Nähe und Liebe kein Alter kennen.
"Was vom Leben bleibt" ist ein warmes, berührendes Hörbuch, das lange nachhallt. Die Kombination aus einer stillen, tiefgehenden Geschichte und den hervorragend ausgewählten Sprecherinnen und Sprechern macht das Hörbuch zu einem besonderen Erlebnis. Ich kann es bestens empfehlen. Ein Hörbuch über das Leben, wie es ist manchmal traurig, manchmal hoffnungsvoll, und oft überraschend schön.