Es gibt Bücher, die man liest und danach weiß, warum sie existieren. Tote Mädchen lügen nicht ist eines davon, auch wenn es mich nicht vollständig überzeugt hat.Die Prämisse ist ungewöhnlich und klug: Clay Jensen findet nach dem Tod seiner Mitschülerin Hannah Baker dreizehn Kassetten, auf denen sie erklärt, was zu ihrer Entscheidung geführt hat. Wir lesen, während Clay in einer Nacht durch seine Stadt wandert, zuhört und versteht. Diese Doppelstruktur, Hannahs Vergangenheit und Clays Gegenwart, erzeugt eine Spannung, die das Buch kaum ruhen lässt.Was mich als Leserin beschäftigt hat: Ich wollte Hannah kennenlernen, wirklich kennenlernen, und ich hatte das Gefühl, dass die Kassetten mir immer nur Ausschnitte geben. Das mag beabsichtigt sein, weil Erinnerung nie vollständig ist, aber es hat dazu geführt, dass ich mit ihr mitgefühlt habe, ohne sie zu verstehen. Das ist ein Unterschied, der für mich als Leserin merkbar war.Die Stärke des Buches liegt im Mut zur Geschichte selbst. Jay Asher stellt ein Thema ins Zentrum, das damals im Jugendbuch kaum sichtbar war, und er tut es ohne Schönfärberei. Die Kassettenstruktur verleiht Hannah eine Stimme über den Tod hinaus, und das hat eine stille Wucht, die ich nicht wegdiskutieren will.Meine Kritik gilt vor allem der handwerklichen Ausführung: Die Figuren um Hannah herum bleiben oft schematisch. Sie repräsentieren Verhaltensweisen, Mobbing, Gleichgültigkeit, übergriffige Nähe, aber sie werden selten zu Menschen, die ich verstehe. Das macht es schwerer, die Dynamiken zu durchdringen, die das Buch eigentlich beschreiben möchte.3,5 Sterne. Für alle, die sich für Jugendbücher interessieren, die ernste Themen nicht ausweichen, ist das eine Lektüre, die sich lohnt. Wer darüber hinaus handwerklich ausgereifte Charakterarbeit sucht, könnte am Ende etwas unbefriedigt zurückbleiben.