
Zum 100. Geburtstag von James Krüss: seine schönsten Geschichten und Reime
Henriette Bimmelbahn, Timm Thaler oder Mein Urgroßvater und ich - James Krüss' Geschichten und Reime haben viele Generationen von jungen Menschen begleitet und begeistern bis heute mit ihrer Fantasie, ihrem Humor und ihrem Einfühlungsvermögen. Der James Krüss Kalender 2026 versammelt im Jubiläumsjahr die großen Klassiker des geliebten Autors sowie sorgfältig ausgewählte Fundstücke zum Entdecken.
Besprechung vom 14.12.2025
Ein neues Mausejahr beginnt!
Von Märchen, Freundschaften, Geheimnissen und Trauerfällen: Kinderbücher für die Weihnachtszeit.
Von Tilman Spreckelsen
Die pinke Zunge des Hexenhauses
Das Werk des großen, 2012 verstorbenen Bilderbuchkünstlers Maurice Sendak ist bei uns nicht mehr recht heimisch, "Wo die wilden Kerle wohnen" von 1963 immer ausgenommen. Nun erscheint ein Band mit Bildern, die Sendak für eine Theaterproduktion von "Hänsel und Gretel" schuf. Der berühmte amerikanische Autor Stephen King, ein dezidierter Verehrer Sendaks, schrieb dafür eine eigene Version des Märchens. Sie fußt auf dem Text der Brüder Grimm ebenso, wie sie die Ideen von Sendak aufnimmt, etwa die Verwandlung des Lebkuchenhauses in eine Fratze: "Die Zuckerfenster sanken ein und verwandelten sich in wachsame Augen, die sauern Drops schmolzen zu einem hässlichen krummen Zinken, und aus den Zuckerstangen an der Tür wuchsen Zähne. Am schlimmsten jedoch war der Pfefferminzpfad. Der wurde zu einer langen pinken Zunge."
King beschert den Kindern Träume, die ihnen einen Blick in die drohende Gefahr gestatten, aber auch Trost spenden. Der Vater und die Stiefmutter werden vom Autor noch deutlicher unterschieden, als es in der Vorlage geschieht (der Vater ist gut, aber schwach, die Stiefmutter böse und inmitten ihrer hungernden Familie zudem ausgesprochen gefräßig), und einen durchaus sprechenden Namen verpasst King der im Märchen namenlosen Hexe auch: "Rhea vom Cöos", eine Gestalt aus Kings eigenem "Dark Tower"-Zyklus, in deren Namen zugleich die Mutter des Zeus anklingt, eine Göttin aus einem Geschlecht, das nichts dabei findet, Kinder zu verschlingen, und auch dem ursprünglichen Chaos ist sie ganz nahe. Ihre Wandlungsfähigkeit, ihr zerfließendes Gesicht betonen beide, Sendak wie King. Dass dieses Buch ein Kunstwerk ist, geht auf Sendaks Rechnung, King steuert die verstörende Geschichte bei.
Stephen King, Maurice Sendak: "Hänsel und Gretel". Aus dem Englischen von Lena Riebl. Atlantis Verlag, Zürich 2025. 56 S., geb., 20 Euro. Ab 6.
Mit dem Schnellzug nach Juxdorf
Die Brüder Tatu und Patu sind seit Jahren eine feste Größe: bei uns, wo einige Bände ihrer Abenteuer erschienen sind, und in ihrer finnischen Heimat, wo es knapp 20 dieser Bücher gibt. Ihr Zugriff auf die Welt, die uns umgibt, ist handfest, erfinderisch und ohne falsche Zurückhaltung - wenn es darum geht, eine Maschine zum besseren Aufstehen, Waschen und Frühstücken zu entwickeln, ist ein Förderband, auf dem die verschlafene Versuchsperson von Station zu Station gebracht wird, die Grundlage von allem. Dabei sind die Brüder so entwaffnend liebenswürdig, dass man ihnen nichts übel nehmen kann, auch wenn sie mit ihren Ideen meist ein beachtliches Chaos stiften. Im neuesten Band, der auf Deutsch vorliegt, unternehmen sie eine Reise mit dem Schnellzug zu ihrem Onkel in Juxdorf. Alles im Zug ist neu für sie, und wie sie auf die Dinge reagieren, die Vielfahrer gar nicht mehr wahrnehmen, ist so komisch wie erkenntnisstiftend.
Aino Havukainen, Sami Toivonen: "Tatu & Patu und ihre verrückte Zugfahrt". Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat. Thienemann Verlag, Stuttgart 2025. 48 S., geb., 15 Euro. Ab 6.
Wenn die Möpse Schnäpse trinken
"Beginnt ein neues Mausejahr, / hörst du die Mäuse singen: / 'Das Altjahr war ein Lausejahr, / ein Mäuse-zwick-und-zause-Jahr, / ein flaues Flick- und Flausejahr. / Was wird das neue bringen?'" Ja, was? Im kommenden Jahr wäre der Kinderbuchautor James Krüss 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass ist schon jetzt bei Arche ein ihm gewidmeter Kalender erschienen, der eine kleine Auswahl aus dem riesigen Werk des Autors enthält.
Naturgemäß sind das vor allem Gedichte, die Krüss ein Leben lang in großer Anzahl schrieb. In dieser Auswahl erscheinen seine Klassiker, etwa ein Ausschnitt aus der unvergänglichen "Henriette Bimmelbahn" oder das eigentlich recht abgründige Werk "Wenn die Möpse Schnäpse trinken", aber auch kleine Kostbarkeiten wie "Was singt der Wind". Krüss' Lyrik lebt von ihrem Klang und stemmt sich zugleich dagegen, nur darin wahrgenommen zu werden, und so wird man die Texte, die in diesem Kalender versammelt sind, mühelos und gern laut lesen und zugleich die Fallstricke wahrnehmen, die der Autor immer wieder auswirft. Wer von den trinkfreudigen Möpsen erzählt, damit endet Krüss' Gedicht, der bringt zwar Lyrik zustande, die aber keinen Sinn in sich trägt - wirklich?
Sein erzählerisches Werk spielt eine Nebenrolle in diesem Kalender, was dem Medium geschuldet ist. Aber er lädt dennoch dazu ein, auch Bücher wie die beiden "Urgroßvater"-Bände neu zu entdecken, die Romane um die "Hummerklippen" und sein Meisterwerk "Timm Thaler" sowieso. Und ein wenig darf man zum Jubiläum einen Autor feiern, der so verliebt in die Sprache war, dass er sich selbst bei ihrem Gebrauch so genau zugesehen hat wie kaum ein anderer.
Ulrike Schuldes (Hrsg.): "James Krüss Kalender 2026". Arche Verlag, Zürich 2025. 51 S., geb., ca. 20 Euro. Ab 6.
Wenn eine Badehose zum Problem wird
Dass Freundschaft auf Ehrlichkeit beruht, wird niemand bestreiten und ebenso, dass es auch in der engsten Freundschaft Dinge gibt, die man dem anderen nicht offenbart. In Stefanie Höflers Roman "Feuerwanzen lügen nicht" wird genau deshalb die enge Bindung zwischen Nils und Mischa auf die Probe gestellt. Denn Mischa, der wissbegierige, überall beliebte Junge, der seinen zappeligen Freund Nils sehr gut zu nehmen weiß und zudem nicht nur von ihm eine unbedingte Wahrhaftigkeit einfordert, verstrickt sich, wie Nils zufällig herausfindet, in ein Gespinst aus Lügen. Warum er das tut, zeigt sich Nils auch: Mischas alleinerziehender Vater verdient mit seinen oft nur halblegalen Gelegenheitsjobs viel zu wenig, um seinen Kindern die Teilhabe am normalen Leben ihrer Altersgenossen zu ermöglichen, sodass für seinen Sohn eine kaputte Badehose ein unüberwindliches Problem darstellt, weil er dadurch nicht am Schulsport teilnehmen kann und verzweifelt nach einer Ausrede sucht.
Das ist die eine Seite. Dass sich Mischa überwindet und, einmal beim Lügen ertappt, Nils konsequent mit der Wahrheit über die materielle Situation seiner Familie konfrontiert, gibt dem Jungen aus leidlich wohlhabender Familie die Möglichkeit, den Freund endlich zu verstehen, zugleich aber auch die eigene Situation als Privileg zu sehen.
Stefanie Höfler erzählt davon unaufgeregt und doch entschieden, und ihre Figuren schließt man leicht ins Herz. Sie schärft den Blick für das Zusammenleben in einer Gesellschaft, in der vieles nicht ausgeleuchtet wird, was zum Alltag gehört. Und sie erzählt davon, warum das wichtig ist, aber nicht entscheidend für eine Freundschaft wie die zwischen Nils und Mischa.
Stefanie Höfler: "Feuerwanzen lügen nicht". Mit Bildern von Carla Haslbauer. Beltz & Gelberg, Weinheim 2022. 234 S., geb., 15 Euro. Ab 11.
Das Glück des Augenblicks
Am Anfang sind da zwei Mädchen, Mab und Elk, auf dem Friedhof. Die eine ist tot, die andere lebendig, trotzdem reden sie miteinander. Sie erinnern sich gemeinsam an alles, was war und was letztlich zu dem Unfall führte, der ihre Wege trennen sollte. Vor allem aber rufen sie sich die Stationen ihrer Freundschaft in Erinnerung, die enge Bindung, die nun abgerissen ist, die von Zuneigung, gegenseitiger Unterstützung, Akzeptanz der jeweils anderen geprägt war und sogar den Knacks ertragen konnte, den die Liebe der einen zum Bruder der anderen verursacht hat.
Und nun? Jenny Valentine, eine Autorin, die in ihren Büchern seit jeher schwierige Themen mit großer Leichtigkeit und Tiefe behandelt hat, versucht gar nicht erst, die tiefe Trauer um die Freundin irgendwie zu übertünchen. Der Unfalltod der jungen Frau ist schrecklich, die Lücke, die er reißt, ist riesig. Aber die andere Seite ist eben auch da: Die Feier des Augenblicks, die Schönheit der schieren Existenz, das Glück einer Freundschaft, die endlich war, aber von großer Intensität. Und wenn es irgendetwas gibt, das dabei hilft, damit seinen Frieden zu machen, dann das, wovon die kluge Autorin erzählt.
Jenny Valentine: "Zwei Seiten eines Augenblicks". Aus dem Englischen von Klaus Fritz. Dtv, München 2025. 192 S., br., 16 Euro. Ab 14.
Schönheit erst auf den zweiten Blick
Eine Familie, verstreut in alle Winde, findet sich nach vielen Jahren in einem alten Haus wieder zusammen. Die ältere Generation, die Töchter des Patriarchen, der im Sterben liegt, hütet ihre Geheimnisse, und ihre Kinder versuchen einfallsreich und energisch, all das Verborgene aufzudecken. Der Schauplatz ist ein verschlafenes Dorf, die Vergangenheit birgt offensichtlich Geheimnisse, und die Kinder ergänzen sich in ihren Stärken und Schwächen so gut, dass man dem Gang der Handlung gebannt folgt.
Susan Krellers Sprache vermeidet alles Glatte, ohne kapriziös zu wirken, sie baut gekonnt Spannung auf, ohne dass dies auf Kosten der Abbildung einer aufmerksam registrierten dörflichen Wirklichkeit ginge. Entstanden ist dabei ein Kunstwerk, das vor allem davon erzählt, wie man sich in einer verwirrenden, anbrandenden Welt zurechtfindet, deren Schrecken sofort offensichtlich ist und deren Schönheit erst auf den zweiten Blick aufscheint. Dass die ohne das Eingeständnis der Wahrheit nicht zu haben ist, lernen Krellers Protagonisten im Verlauf dieses Sommers auch noch.
Susan Kreller: "Das Herz von Kamp-Cornell". Carlsen Verlag, Hamburg 2025. 288 S., geb., 15 Euro. Ab 14.
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