Als Pia Winter am Morgen des 24. Dezember aufwacht, genießt sie zunächst den Gedanken, bis zum Dreikönigstag Ferien zu haben. Obwohl sie ihr Abitur bereits vorletztes Jahr abgeschlossen hat, weiß sie noch immer nicht so recht, welchen beruflichen Weg sie einschlagen möchte. Deshalb hat sie sich für einen Bundesfreiwilligendienst entschieden und arbeitet als Schulbegleiterin für Kinder mit Handicap und besonderem Unterstützungsbedarf an einer inklusiven Ganztagsschule.Doch dieser positive Gedanke bleibt an diesem Tag der einzige. Kurz nach der Bescherung am Heiligen Abend eskaliert ein Streit zwischen ihren Eltern. Pia zieht sich zwar in ihr Zimmer zurück, wird jedoch unfreiwillig zur Mithörerin eines Gesprächs, in dem Sätze fallen, die sie zutiefst verunsichern. Offenbar gibt es eine Vereinbarung zwischen ihren Eltern, dass sie - Pia - etwas nicht erfahren darf. Und warum sagt ihr Vater, er habe sich schon immer ein Kind gewünscht? Er hat doch ein Kind - sie.Beunruhigt sucht Pia nach ihrer Geburtsurkunde. Als sie diese im Büro ihres Vaters findet, bricht ihre heile Welt zusammen: Ihr Vater ist unbekannt. Doch damit nicht genug - auch ihre Mutter ist nicht ihre leibliche Mutter. Plötzlich ergibt das Gefühl Sinn, das sie ihr Leben lang begleitet hat: dieses Anderssein, dieses Nicht-Dazugehören.Kurzentschlossen packt Pia ein paar Sachen zusammen und macht sich auf die Suche nach ihrem leiblichen Vater. Ihre Reise führt sie nach Wasserburg am Inn, dem Ort, an dem sie selbst vor fast 22 Jahren geboren wurde und die ersten Jahre ihres Lebens verbracht hat. Ihre Nachforschungen fallen ausgerechnet in die Rauhnächte - jene mystischen zwölf Nächte zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag, die als "Zeit zwischen den Jahren" gelten. In dieser Phase soll die Grenze zur Anderswelt besonders dünn sein. Nach altem Brauch ziehen in diesen Nächten schaurige Gestalten durch das mittelalterliche Städtchen, um Geister zu vertreiben - eine atmosphärische Kulisse für Pias Suche nach der Wahrheit.In Wasserburg stößt Pia jedoch auf eine Mauer des Schweigens. Niemand scheint den Namen ihres leiblichen Vaters zu kennen, und auch um ihre leibliche Mutter ranken sich Geheimnisse. Als ihr in einem Moment der Wut die schmerzhafte Wahrheit entgegengeschleudert wird, gerät Pias Welt endgültig ins Wanken. Zudem bleibt ihre Suche nicht ungefährlich: Es gibt jemanden, der ein großes Interesse daran hat, Pias Nachforschungen zu unterbinden - notfalls auch mit Gewalt."Rauhnächte" ist der achte Roman aus der Feder der Autorin Ellen Sandberg, hinter deren Pseudonym sich die Krimiautorin Inge Löhnig verbirgt. Das Buch erschien bereits 2014 als Jugendroman unter dem Titel Die Flammen flüstern dein Lied und wurde nun vollständig überarbeitet unter dem Namen Ellen Sandberg neu veröffentlicht. Ihre Spannungsromane erscheinen in der Regel kurz vor Jahresende und versüßen mir regelmäßig den Weihnachtsurlaub - so auch dieses Mal.Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt: Zum einen begleitet der Leser die 22-jährige Pia in der Gegenwart, zum anderen erfährt er mehr über das Leben ihrer leiblichen Mutter, deren Geschichte im Februar 1997 - also 23 Jahre zuvor - in Galsterried am Inn beginnt. Beide Handlungsstränge werden aus der Perspektive einer dritten Person erzählt und nähern sich im Verlauf der Handlung immer weiter an.Pia ist eine sympathische Protagonistin: eine junge Frau, die ihren Platz im Leben noch sucht, ihr Dasein aber grundsätzlich schätzt. Besonders gelungen ist auch die Darstellung der Nebenfiguren, allen voran Pias Adoptiveltern. Die Figuren sind vielschichtig angelegt, sodass sich Sympathien im Laufe der Geschichte verschieben können - ein Stilmittel, das die Spannung zusätzlich erhöht.Nach und nach wird dem Leser klar, was damals geschehen ist und vor allem warum. Die Antworten darauf sind ebenso schockierend wie erschreckend und zeigen einmal mehr, wozu Menschen fähig sind, wenn sie ihre eigenen Ziele um jeden Preis durchsetzen wollen.Wie bei jedem Sandberg-Roman habe ich mich für einige Stunden sehr gut unterhalten gefühlt und das Buch in kurzer Zeit gelesen. Ich freue mich schon jetzt auf das nächste Werk der Autorin.