REZENSION Basierend auf Originalbriefen, Tagebuchaufzeichnungen und Archivstudien erzählt Literaturwissenschaftler Uwe Neumahr (54) in seinem im März beim Verlag C. H. Beck veröffentlichten Werk Die Buchhandlung der Exilanten die lesenswerte Geschichte zweier bedeutender Pariser Buchhändlerinnen und Verlegerinnen, der Französin Adrienne Monnier (1892 bis 1955) und der aus Baltimore stammenden Amerikanerin Sylvia Beach (1887 bis 1962). In seiner eindrucksvollen Studie zeigt Neumahr den Wandel ihrer beiden an der Rue de lOdéon gegenüberliegenden Buchhandlungen La Maison des Amis des Livres für Freunde hauptsächlich französischer Literatur und Shakespeare and Company, mit der sich Beach in Paris auf die Verbreitung und Übersetzung englischsprachiger Werke spezialisiert hatte, von kulturellen Salons und Treffpunkten der literarischen Avantgarde in den 1920er Jahren von James Joyce und Ernest Hemingway über Pablo Picasso bis zu Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir über die 1930er Jahre, in den die Buchhandlungen zu Zufluchtsorten emigrierter deutschsprachiger Schriftsteller wurden, bis hin zu ihnen als Orte nicht nur des geistigen Widerstands während der deutschen Besetzung ab 1940. Denn in jenen Jahren unterstützten beide Buchhändlerinnen vom Nazi-Regime verfolgte Autoren sowohl finanziell wie materiell, boten manchen Unterschlupf und organisierten für Walter Benjamin, Gisèle Freund, Siegfried Kracauer und andere deren Flucht. Doch trotz freundschaftlicher Beziehungen zu einigen literarisch ambitionierten Diplomaten und Beamten des mit den Deutschen kollaborierenden Vichy-Regimes gefährdeten sich Monnier und Beach am Ende auch selbst. So sah sich Sylvia Beach nach längerer Gestapo-Haft schließlich 1944 gezwungen, ihre Buchhandlung Shakespeare and Company, die nicht mit der heute bestehenden desselben Namens verwechselt werden darf, von einem Tag auf den anderen aufzugeben und unterzutauchen.
Obwohl allein schon die Frühzeit beider Buchhandlungen eine interessante Geschichte ist, legt Neumahr mit Schilderung der Verfolgung durch die Nazis in Paris ab 1940, der folgenden Jahre des Widerstands sowie der Literatur im Exil den Schwerpunkt auf ein oft übersehenes Kapitel deutsch-französischer Geschichte. Er macht deutlich, wie anfällig kulturelle Freiheit auf äußerliche Einwirkungen ist, wie gefährdet sie ist und wie sehr gerade unter totalitären Bedingungen ihr Erhalt von mutigen Einzelpersonen abhängt, die wie Monnier und Beach Literatur nicht nur als Mittel zur Unterhaltung, sondern zur Bewahrung geistiger Freiheit verstehen.
Um der Bedeutung beider Buchhandlungen und ihrer Inhaberinnen gerecht zu werden, hat Neumahr, worauf er selbst im Vorwort hinweist, sein Buch in zwei Handlungsstränge unterteilt: Der erste Handlungsstrang beginnt während des Ersten Weltkriegs, der zweite 1939 kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Mit dem Jahr 1943 führt er beide Handlungsstränge zusammen, gefolgt von der Befreiung der Buchhandlungen im August 1944 und einem Ausblick auf die weitere Lebensgeschichte beider Buchhändlerinnen.
Neumahrs Buch zeichnet sich durch wissenschaftliche Genauigkeit und erzählerische Dichte aus. Doch während einerseits diese in Einzelheiten gehende Verbindung von Literaturgeschichte und politischer Zeitgeschichte die beachtenswerte Stärke des Buches ist, sorgt andererseits trotz des Bemühens um klare Gliederung genau dies beim Lesen für Probleme: Die Vielzahl teils bekannter, teils weniger bekannter Namen mag manchen Leser verwirren und verlangt ein hohes Maß an Konzentration und möglichst den Verzicht auf Lesepausen. Zudem springt Neumahr bei Schilderung der vielen Einzelschicksale und deren Bedeutung für die Literatur sowie der historischen Zusammenhänge immer wieder zwischen den Jahrzehnten hin und her, so dass es manchem Leser schwerfallen kann, nicht den roten Faden zu verlieren.
Dennoch ist Die Buchhandlung der Exilanten eine atmosphärisch dichte, kultur- und literaturhistorisch äußerst interessante Abhandlung. Manches ist aus anderer Literatur zwar schon bekannt. Aber es gelingt dem Autor ausgezeichnet, aus dieser episodenartig erzählten Sammlung von Fakten und historischen Ereignissen ein spannend zu lesendes Gesamtbild zu schaffen. Sein Werk füllt damit ein bisher weniger beachtetes Kapitel der Literaturgeschichte und ist gerade deshalb auch als wichtige Ergänzung zu den ebenfalls im Verlag C. H. Beck erschienenen Büchern Februar 33 (2022) und Marseille 1940 (2024) von Uwe Wittstock sowie Neumahrs bereits 2023 veröffentlichten Buches Das Schloss der Schriftsteller. Nürnberg '46 unbedingt zu empfehlen.