DS Washington Poe und die Analystin Tilly Bradshow, eigentlich bei der Serious Crime Analysis Section auf Serienmörder spezialisiert, werden - mehr oder weniger freiwillig vom MI5 beauftragt zu ermitteln: In einem geheimen Bordell wird ein Hubschrauberpilot, grausam gefoltert, tot aufgefunden. Da dessen Firma für Shuttleflüge bei dem in Cumbria bevorstehenden intenationalen Gipfeltreffen beauftragt ist, bekommt die Aufklärung ein besonderes Gewicht. DS Poe zur Seite gestellt werden Melody Lee vom FBI, die für die Sicherheit der US-Teilnehmer der Konferenz verantwortlich ist und - sehr zu Poes MIssfallen - die MI5 Mitarbeiterin Hannah Flint, die zu Beginn der Ermittlungen eine Keramikratte vom Tatort entwendet. Als Tilly durch diese Figur eine Verbindung zu einem länger zurückliegenden Banküberfall herstellt, bei dem nichts gestohlen, aber eine Leiche zurückgelassen wurde, ist Poes Interesse endgültig geweckt ....
Mike W. Craven ist ein britischer Krimi- und Thriller-Autor, der vor allem für seine Bestseller-Reihe um Detective Sergeant Washington Poe bekannt ist. Mit "Die Witwe" erscheint in Deutschland nun (am 1.1.26) der vierte Fall aus dieser Serie. EIne Kenntnis der vorhergehenden Werke ist absolut nicht erforderlich; ist es zwar an manchen Stellen eine Verbindung zu erkennen, doch ist - bis hin zu einer genauen Charakterisierung der beteiligten Figuren - dieser Krimi in sich abgeschlossen und rund.
Schauplatz dieses Krimis ist die Gegend um Cumbria im nordwestlichen England, einer rauhen und ländlichen Gegend.
Cravens Schreibstil ist flüssig und bildhaft. Ausgehend von einer doch als bizarr zu bezeichnenden Situation, also der gefolterten Leiche in einem geheimen Bordell, die bereits viele Fragen aufwirft, führt Craven seine Leser*Innen in einem hohen Tempo und teilweise eindeutigen Gewaltdarstellungen durch die Story. Immer neue überraschende Wendungen und Cliffhanger halten die Spannung auf einem extrem hohen Niveau, bis Poe schließlich zu einer von allen unvorhergesehenen Lösung kommt. Besonders gut gefallen hat mir hier, dass das Buch mit der Präsentation des Mörders noch nicht zu Ende war, sondern Craven Poe noch weitere Hintergründe entdecken ließ, die jetzt erst den Titel des Buches erklärten.
Brillant sind im gesamten Verlauf die Wortwechsel von Poe und Tilly, die inmitten der Grausamkeit der Verbrechen einen kontrastierenden schwarzen Humor offenbaren.
Überraschend an der Handlung dieses Krimis ist eine Hinwendung zum Militär. Allerdings ist diese so plausibel und in den Details und Fachbegriffen so genau erklärt, dass keine Fragen offen blieben. Hier merkt man auch, dass der Autor weiß, von was er schreibt, denn er war selbst Mitglied der Britischen Armee.
"Die Witwe" zeichnet sich aus durch das zentrale Duo der gesellschaftlichen Außenseiter: Washington Poe, einem zynischen, intuitiven Ermittler, und Tilly Bradshaw, einer hochbegabten zivilen Analystin, die sozial völlig unbeholfen ist und alles wörtlich nimmt. Und nur durch die Kombination dieser Fähigkeiten, Poes Hartnäckigkeit, seine Sturheit auch gegen die Wünsche des MI5 und seine Erfahrung und Tillys datenbasierter Analyse, kann die Lösung des Falles vorangetrieben werden. Obwohl beide Figuren unangepasst und durchaus schwierig zu nennen sind, sind mir beide schnell ans Herz gewachsen und mir haben ihre Interaktionen sehr gefallen.
Die weiteren Figuren sind nicht so umfassend beschrieben und insbesondere die Rolle von Hannah Flint blieb für mich recht undurchsichtig.
Ich hätte mir auch ein Personenverzeichnis gewünscht, da eine VIelzahl an handelnden Figuren und ihre unterschiedlichen Zugehörigkeiten zur National Crime Agency, zur Polizei, zum MI5 und FBI mich teilweise den Überblick verlieren ließen.
DIeser überaus komplexe Fall, die detaillierte Ermittlungsarbeit und das besondere zentrale Duo Poe/Tilly machen diesen Krimi im modernen Police Procedural Stil zu einem absolut empfehlenswerten Krimi, der Lust auf die komplette Reihe macht.